„Das hat nichts mit dem Islam zu tun!“

Dieser Satz wird immer wieder gerne von verschiedenen Seiten gesagt. Von Politikern, von Talkshow Gästen, von Muslimen, von (christlichen) Bischöfen, etc…

Und er ist formal-technisch durchaus richtig.

Terroranschläge, wie jetzt wieder in Brüssel geschehen und in naher Zukunft an anderer Stelle, haben nichts mit dem Islam zu tun, weil es den Islam gar nicht gibt.

Es gibt ca. 1,6 Milliarden Muslime weltweit, wovon jede und jeder sich seinen eigenen Islam bastelt und irgendwie zusammen interpretiert. Es gibt also nicht den einen Islam, sondern (mindestens) 1,6 Milliarden Islame.

Das gleiche gilt übrigens für das Christentum und deren 2,2 Milliarden Christen. Es gibt nicht das Christentum, sondern 2,2 Milliarden „Christentümer“.

Ich kann auch verstehen, dass Politiker nach Terroranschlägen sagen: „Das hat nichts mit dem Islam zu tun!“.

Dabei unterstelle ich Ihnen, dass sie dies sagen, um der vorhandenen Diskriminierung von Muslimen keine neue Munition zu geben. Sie sagen es vielleicht auch, um zu verhindern, dass Fremdenfeindlichkeit oder Rassismus zunehmen.

Das sind ehrenwerte und richtige Ziele, die ich voll unterstütze.

Aber sie erweisen diesen Zielen einen Bärendienst damit. Und zwar deshalb, weil es praktisch gesehen einfach nicht stimmt und falsch ist. Sie verkürzen und vereinfachen viel zu stark. Und jeder, der das hört, ist zu Recht skeptisch.

Natürlich sind die riesige Mehrheit der Muslime weltweit keine Terroristen. Das liegt einfach daran, dass diese 1.599,9xxxxx Millionen Muslime ihre Moral aus säkularen Quellen und ihrer Vernunft herleiten und nicht aus irgendeinem angeblich heiligen Buch.

Zumindest sind sie nicht bereit das Töten und Abschlachten von Menschen damit zu begründen. Sie folgen nicht dem Islam, den es ja gar nicht gibt, sondern sind von der Evolution beeinflusst, die Ihnen Empathie und Altruismus mitgegeben hat, wie übrigens praktisch jedem Menschen.

Das Gefährliche an dem Satz „Das hat nichts mit dem Islam zu tun!“ ist, dass man dadurch impliziert, es gäbe „den Islam“ oder einen „wahren, echten Islam“ und man könne alle 1,6 Milliarden Muslime weltweit dazu zählen.

Genau das macht es aber Rechtsradikalen, „besorgten Bürgern“ oder einfach jedem leicht, alle 1,6 Milliarden Muslime gedanklich in einen Topf mit wenigen Terroristen zu werfen.

Das ist der erste Grund, warum Politiker und einfach jeder aufhören sollte, diesen Satz zu sagen.

Der zweite Grund, warum man aufhören sollte, diesen Satz zu sagen, ist der, dass er falsch ist. Ja, er ist formal-technisch zwar korrekt, einfach weil es „den Islam“ nicht gibt. Was es nicht gibt, kann logischerweise mit nichts etwas zu tun haben.

Aber es ist trotzdem lächerlich das zu sagen. Es ist ungefähr genauso lächerlich, wie zu sagen, dass die Hexenverbrennungen absolut nichts mit dem Christentum zu tun haben. Oder dass die Morde an Abtreibungsärzten nichts mit dem Christentum zu tun haben. Oder dass der 30-jährige Krieg von 1618 bis 1648 überhaupt nichts mit Religionen zu tun hatte. Oder dass der Widerstand der CDU gegen Homosexualität (z.B. Heirat und Adoption) nichts mit den religiösen Überzeugungen ihrer Mitglieder zu tun habe. Und so weiter und so fort…

Menschen handeln nach Ihren Überzeugungen.

Wer wirklich davon überzeugt ist und es für wahr hält, dass es z.B. eine Ehre ist Ungläubige und Andersgläubige zu töten und dass 72 Jungfrauen im Paradies auf einen warten (nur mal nebenbei: Ich persönlich kann mir kaum etwas Schlimmeres vorstellen, als mich um 72 Jungfrauen kümmern zu müssen, aber für Menschen mit unterdrückter Sexualität mag das eine tolle Vorstellung sein…) und viele andere absurde und ekelhafte Dinge „glaubt“, der ist u.U. wirklich bereit dies durchzuführen und in die Tat umzusetzen.

Diese Logik sollte niemanden überraschen. Denn jeder Mensch handelt grundsätzlich nach seinen Überzeugungen.

Die „Islame“, also die 1,6 Milliarden verschiedenen Islame, basieren auf dem Koran und der Kultur des jeweiligen Landes und vielen Dingen mehr. Es ist leider nicht überraschend, dass es weltweit hunderte, tausende, ja vielleicht zehntausende Menschen gibt, die den Koran z.B. einfach wörtlich interpretieren.

Das gleiche gilt für die Bibel.

Wenn es nun möglich ist, alles und nichts aus dem Koran oder der Bibel herauszulesen oder heraus zu interpretieren, dann ist es nicht verwunderlich, dass eine mögliche Interpretation eben die wortwörtliche ist. Man hält das Geschriebene genauso, wie es dort steht, für wahr.

Wir nennen solche Menschen dann abwertend Fundamentalisten.

Aber man kann diese Art von Interpretation nicht ernsthaft kritisieren, denn sie liegt nun einmal auf der Hand. So gehen wir in unserem Leben ständig vor, wenn wir Informationen erhalten. Wir nehmen sie erstmal ernst und wortwörtlich.

Wenn jemand zu mir sagt: „Komm, lass uns diesen Samstag ins Kino gehen.“, dann nehme ich an, dass er mir genau das sagen will. Meine erste Idee ist nicht, darüber nachzudenken, ob er/sie mit „Samstag“ nicht eigentlich einen anderen Tag meint, oder ob er/sie unter „Kino“ dasselbe versteht, wie ich.

Dass man manchmal Dinge metaphorisch meint, dass es Ironie gibt, bei der man genau das Gegenteil meint, dass man manchmal reflektieren, interpretieren und Aussagen in einem Kontext sehen muss, ändert nichts an der Tatsache, dass Texte oft wortwörtlich ernst gemeint sind.

Und das ist ja auch normal und ökonomisch. Es wäre ja der nackte Wahnsinn, wenn wir niemals etwas wortwörtlich verstehen dürften. Jede Unterhaltung, ja jegliche Kommunikation würde dann ins Absurde abgleiten.

Jetzt wird von Ihnen vielleicht der Einwand kommen:

„Na ja, schön und gut, aber eigentlich ist das alles doch nur ein Missbrauch im Namen der jeweiligen Religion. Die wahre Religion ist immer friedlich, nett und harmlos.“

Nein. So ein Argument ist nur ein logischer Fehlschluss, nämlich der „kein wahrer Schotte“ Fehlschluss, siehe auch hier oder hier.

 

Besser wäre folgendes Gegenargument:

„Aber der wirkliche Grund, warum Menschen solche grausamen Morde begehen, liegt in deren Unterdrückung, Perspektivlosigkeit, Hoffnungslosigkeit, Kultur, Politik, etc…“.

Ich sage nicht, dass die Welt ohne Religionen ein perfektes Paradies auf Erden wäre. Menschen würden sich wahrscheinlich immer noch gegenseitig umbringen, aus verschiedensten Gründen.

Aber ich sage, dass die Welt ohne Religionen wahrscheinlich eine bessere Welt wäre, weil es eine Ursache weniger gäbe, warum man sich die Köpfe einschlagen kann. Es gäbe dann einfach einen (wichtigen und großen) Faktor weniger, den man bisher dazu hernehmen kann, um Menschen gegeneinander aufzuhetzen und um die Taten damit auch noch zu rechtfertigen und zu begründen.

Die „Islame“ sind also sehr wohl ein Grund und eine Ursache dafür, dass es solche Terroranschläge gibt.

Begegne ich nun deshalb Muslimen negativer oder anders als Christen oder Esoterikern?

Nein, jeder darf glauben, was er will. Natürlich bin ich skeptisch, was den Wahrheitsgehalt von deren Überzeugungen angeht. Ich teile deren Überzeugungen nicht, sondern halte sie für objektiv falsch oder im besten Fall für unbelegt.

Und natürlich habe ich umso mehr Probleme mit deren Überzeugungen, je extremer und fundamentalistischer diese sind, einfach weil ich dann umso mehr befürchten muss, dass sie diese Überzeugungen in (extreme) Taten umsetzen.

Aber das Problem sind nicht Muslime, sondern dumme und unmenschliche Ideen. Ideen aus dem Koran, Ideen der verschiedenen Islame, allgemein die falschen Ideen der Religionen.

Diese Ideen sind das Hauptproblem.

Ich habe ein Problem mit den Islamen, genauso wie ich im dunklen Mittelalter (und auch jetzt immer noch) ein Problem mit den Christentümern gehabt hätte, wenn ich dann gelebt hätte.

Aber die wenigen Terroristen, die eine wortwörtliche Interpretation bevorzugen, wollen einen Keil zwischen Muslimen und dem Rest der Menschheit treiben. Dabei sind Muslime selbst am häufigsten Opfer, einfach weil sie näher am Geschehen dran sind und enger mit den Terroristen zusammen leben.

Das sollten wir den Terroristen nicht zu leicht machen und alleine deshalb Muslime nicht ausgrenzen oder diskriminieren.

Es ist sowieso viel wichtiger, wie wir darauf reagieren, wenn dann der erste große Anschlag in Deutschland geschehen ist.

Führen wir dann einen Polizei- oder Überwachungsstaat ein, tun wir so als würden wir mehr Sicherheit gewinnen durch Einschränkung oder Abschaffung unserer Freiheit, geben wir die pluralistische offene Gesellschaft auf?

Oder wird die Freiheit siegen?

Ich fürchte mich nur vor einer Sache, nämlich vor irrationaler Angst. Und ich hoffe auf einen Sieg der Freiheit.