Phantasie, Wunschdenken, Illusion und Wahn

Es ist wahrscheinlich eine der größten Leistungen des menschlichen Gehirns, sich etwas vorstellen zu können, ohne es zu machen oder jemals gemacht zu haben. Wir machen dies ständig, mehrmals jeden Tag, ohne dass wir dies bewusst registrieren. Wir überlegen uns, was wäre wenn?

Diese Fähigkeit kreativ zu sein, Ideen zu haben und sich Dinge einfach nur vorzustellen, ist eine der erstaunlichsten und bemerkenswertesten Fähigkeiten des Menschen. Man nennt diese Fähigkeit Phantasie. Mit ihr macht der Mensch Erfindungen verschiedenster Art, seien es technische Erfindungen, künstlerische Werke (Musik, Bilder, Drehbücher, Filme oder Literatur), Grundlagenforschung, andere wissenschaftliche Entdeckungen oder sonstige Dinge, die ich jetzt vergessen habe aufzuzählen. Diese Fähigkeit ist das, die den Menschen von allen anderen Tieren unterscheidet. Kein Tier kann sich in diesem Ausmaß Welten oder Dinge in seinem Gehirn vorstellen, nicht einmal die Menschenaffen, unsere nächsten Verwandten. Phantasie bereichert unser aller Leben in vielfältigster Art und Weise und ein Leben ohne sie wäre wohl deutlich trostloser, langweiliger und ärmer. Ich habe lange überlegt, ob ich etwas Negatives über Phantasie an sich sagen kann, aber mir ist nichts eingefallen (was natürlich nicht bedeutet, dass es nichts Negatives zu sagen gäbe).

Eine Sache gäbe es vielleicht doch, die zumindest potentiell problematisch ist, an der Phantasie. Man kann sich quasi alles vorstellen und denken, allerdings sollte man sich dabei einer sehr wichtigen Sache bewusst sein: Nur weil man sich etwas vorstellen kann, bedeutet das weder, dass das Vorgestellte wahr, noch dass es wirklich (real) ist!

Damit kommen wir schon fast in das „Reich“ des Wunschdenkens. Wünsche sind etwas positives, weil sie uns dazu anregen und motivieren, ein Ziel zu erreichen. Wir alle tragen in irgendeiner Form Wünsche in uns. Aber hier wird es schon schwierig. Was ist, wenn man sich so sehr, so intensiv und so stark etwas wünscht, dass man jegliche Selbstreflexion dafür verliert, was die Wahrheit und Wirklichkeit ist?

Wenn man sich wünscht reich, berühmt und schön zu sein, dann ist man leider (oder zum Glück?) in der Realität noch kein Bill Gates, keine Madonna und kein Topmodel. Wenn man sich wünscht ein berühmter Sänger zu sein, dann bedeutet das nicht, dass man es ist. Meist singen solche Menschen, wie ein Hund, dem man auf den Schwanz getreten ist. Wenn ich mir wünsche fliegen zu können, dann sollte ich nicht denken, dass ich vom Hochhaus springen kann und tatsächlich fliegen kann.
Was haben alle diese Menschen verloren? Ihren Blick für die Realität, denn sie sind blind und in einer (ihrer selbst gemachten) Illusion gefangen!
Nun könnte man sagen: „So naiv und leichtgläubig ist doch auch niemand, das ist doch völlig übertrieben!“ Ist das so? Sind sie sich sicher?

  • Menschen „glauben“ also nicht an einen „lieben Gott“, weil sie sich wünschen, dass es erstens „Gott“ geben soll und zweitens er ein „lieber“ statt einem bösen sein soll, sondern weil sie Beweise haben, dass es diesen „lieben Gott“ in der Realität gibt?
  • Menschen „glauben“ also nicht an ein „Leben nach dem Tod“, weil sie es sich wünschen, sondern haben Beweise dafür, dass es ein „Leben nach dem Tod“ wirklich real gibt?
  • Menschen „glauben“ also nicht an die heilende Wirkung eines Medikamentes, weil sie es sich wünschen und verzweifelt sind, obwohl bewiesen ist, dass das Medikament nicht wirkt?
  • Menschen „glauben“ also nicht an die Wirkung einer Diät, weil sie sich wünschen abzunehmen, obwohl bewiesen ist, dass diese Diät nicht funktionieren kann?

Glauben sie das wirklich? Falls ja, dann sollten eventuell Sie einmal ihren „Realitätsdetektor“ überprüfen.

Was ist mit Illusionen? Meist wird darunter eine Fehleinschätzung oder Fehlwahrnehmung irgendeines unserer Sinne verstanden. Wir finden z.B. optische Illusionen witzig und es gibt viele Beispiele dafür. Wenn wir einer Illusion erliegen, dann veräppeln und betrügen wir uns selbst, bzw. unsere Sinne oder unser Gehirn betrügt uns. Um was werden wir betrogen? Wir werden um eine akkurate Aufnahme und Abbildung der Realität betrogen und dies kann schlimme Konsequenzen haben!

Ich weiß nicht, wie es ihnen geht, aber ich werde nicht gerne von anderen angelogen, veräppelt und an der Nase herumgeführt. Noch schlimmer finde ich es allerdings, wenn ich es selbst bin, der sich betrügt.
Von der Illusion ist es nicht mehr besonders weit zu einer Halluzination, die man auch mit oder durch Drogen hervorrufen kann. Ich vermute, dass die meisten Menschen Halluzinationen negativ bewerten würden und nicht scharf darauf sind, welche zu bekommen und das völlig zu Recht.

Am weitesten entfernt von der Wahrheit und Realität ist man, wenn man an einem Wahn leidet. Ich bin kein Psychologe und mir geht es hier nicht um eine korrekte medizinische Klassifizierung. Mir genügt völlig der Hinweis darauf, dass man mit einem Wahn per definitionem nicht mehr in der Realität lebt.

Wo wollen sie in dieser Rangliste stehen? Und wo denken sie, dass sie stehen? Wenn sie auf der Seite der Wahrheit und Realität stehen wollen, dann sollten sie die Konsequenzen ziehen und etwas genauer überlegen, wo ihre Ansichten Wunschdenken entsprechen und wo nicht. Wie sie das praktisch machen können? Lernen sie kritisches Denken, zweifeln sie und überprüfen sie Argumente und Belege auf Plausibilität, Qualität und Wahrheit!

Wenn Sie sich lieber für Wunschdenken, Illusionen und Wahn entscheiden, dann bleibt mir nur, ihnen viel Glück zu wünschen auf diesem beschwerlichen und gefährlichen Weg.

Zum Ende noch ein Hinweis: Jeder von uns leidet mehr oder weniger am PLS (Pippi-Langstrumpf-Syndrom). Entscheidend ist, wie stark und wie lange.


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