Sind unsere Ansichten wahr?

Fast jeder denkt, dass er Recht hat und dass seine eigenen Ansichten richtig, gut und wahr sind. Wie können wir aber nun wirklich feststellen, ob unsere eigenen Ansichten und Meinungen wahr sind?

Noch genauer gefragt, wie können wir die Sicherheit bzw. die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass sie wahr sind?

Um eine Antwort auf diese Frage geben zu können, möchte ich hier einmal drei mögliche verschiedene Vorgehensweisen, also Methoden, anführen:

1.) Man bildet sich eine eigene Meinung zu einem Thema oder hat einfach eine Meinung darüber. Diese Ansicht ist richtig und wahr, denkt man sich. Man weiß, ganz tief für sich selbst, dass diese Ansicht wahr ist, es ist ja schließlich auch die eigene Ansicht. Informationen aus verschiedenen Quellen holt man sich nicht. Man braucht überhaupt keine Informationen oder Daten. Die eigene Ansicht muss immer wahr sein, denn sonst wäre man ja nie dazu gekommen. Man kann sich nicht irren. Einwände, Zweifel, Diskussionen oder gar Kritik daran will man gar nicht hören und lässt man nicht an sich heran, weil man ja weiß, dass man sich nicht irren kann. Man hat Recht! Immer! Punkt!

2.) Die eigene Ansicht zu einem Thema hat man sich gebildet, in dem man sich Informationen dazu besorgt hat oder darauf zufällig gestoßen ist, zumindest ab und zu. Man diskutiert auch hin und wieder über Themen und hört anderen zu, nimmt Tipps und Anregungen teilweise auf und denkt eventuell nochmal darüber nach. Man vergleicht seine Ansicht damit, was andere aus dem eigenen Umfeld darüber denken. Ja, vielleicht irrt man sich ganz selten, insgesamt liegt man aber doch meistens richtig. Besonders bei Themen, die einem emotional wichtig sind, ist man von der korrekten eigenen Ansicht völlig überzeugt. Manchmal nimmt man Einwände zu bestimmten Themen ernst, manchmal nicht. Man hat aber kein eindeutiges Kriterium, wann man dies macht und wann nicht, sondern es scheint ziemlich willkürlich zu sein.

3.) Man hat keinerlei Ansicht über Themen, über die man noch nie nachgedacht hat, oder über die man keinerlei Informationen hat. Man überlegt sich aufgrund seines eigenen beschränkten Wissens, welche Ansicht zu einem Thema wahrscheinlich wahr ist, weiß aber, dass man falsch liegen könnte. Deshalb ist es einem sehr wichtig, mehr über dieses Thema zu erfahren, vor allem aus verschiedenen Blickwinkeln und Perspektiven. Diskussionen werden gesucht und Einwände, Zweifel und Kritik an allen Ansichten wird freudig begrüßt. Es wird inhaltlich hart geprüft und getestet. Am Ende steht der Vergleich von Argumenten und Belegen für und gegen eine Ansicht und die Frage, welche überwiegen und welche Ansicht man selbst einnehmen sollte.

Natürlich sind diese drei Methoden stark überspitzt dargestellt. Kaum jemand wird komplett bei der ersten oder dritten zu verorten sein, sondern wir alle liegen irgendwo dazwischen.

Ohne zu viel zu verraten, will ich noch kurz hinzufügen, dass Esoteriker oder religiöse Menschen, stark zur ersten Methode neigen und Wissenschaftler zur letzten, dritten Methode.

Wenn man nun darüber nachdenkt, wie man die Sicherheit bzw. Wahrscheinlichkeit wahre Ansichten zu haben (deutlich) erhöhen kann, so sollte die Antwort jedem, der ehrlich darüber nachdenkt, ziemlich deutlich erscheinen.

Wenn man sich „einbunkert“ und keine anderen Ideen, Hinweise oder Kritik an sich heran lässt (siehe Methode 1), dann steigt die Wahrscheinlichkeit falsch zu liegen bis auf nahezu 100%. Es ist dann quasi in erster Näherung davon auszugehen, dass solche Menschen bei ihren Ansichten und Meinungen mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit falsch liegen.

Umgekehrt gilt das Gegenteil. Wer offen ist für Diskussionen, Argumente, Belege und Kritik (siehe Methode 3), liegt bei vielen seiner Ansichten (die diesen Prozess durchlaufen haben) wahrscheinlich richtig und sie sind wahr. Selbstverständlich gibt es keine absolute Sicherheit, dass sie wahr sind, aber grundsätzlich steigt die Sicherheit und Wahrscheinlichkeit deutlich an, wenn man zu dieser Art von Methode neigt.

Wem das nun klar ist, der muss sich entscheiden. Man muss sich entscheiden, ob es einem wichtig ist, wahre Ansichten zu haben, also in der Realität zu leben. Sagt man dazu „Ja“, dann sollte man versuchen Schritte in Richtung dritter Methode zu unternehmen. Für den anderen Fall, also wenn man sich entscheidet, lieber in einer Wunsch- und Traumwelt zu leben, kann man sich zu den Esoterikern und religiösen Menschen gesellen, die sich mit der ersten Methode sehr wohl fühlen.

John Stuart Mill hat alles, was ich hier geschrieben habe, im Jahr 1859 schon viel kürzer und viel besser ausgedrückt, als ich es je könnte, deshalb hier noch einmal sein Zitat zu diesem Thema:

Unsere gesichertsten Überzeugungen haben keine verlässlichere Schutzwache als eine ständige Einladung an die ganze Welt, sie als unbegründet zu erweisen.

Wenn diese die Herausforderung nicht annimmt oder, falls sie sie annimmt, der Angriff fehlschlägt, so sind wir noch von der Gewissheit weit entfernt, aber wir haben das Beste getan, was der gegebene Stand menschlicher Vernunft zulässt: wir haben nichts außer acht gelassen, was der Wahrheit eine Chance geben konnte, uns zu erreichen.

Bleiben die Schranken offen, dann können wir hoffen, dass man eine bessere Wahrheit, wenn es solche gibt, finden wird, sobald der Menschengeist sie zu erfassen fähig ist.

In der Zwischenzeit können wir uns darauf verlassen, der Wahrheit so nahe gekommen zu sein, wie es in unseren Tagen möglich ist.

Das ist der Betrag an Gewissheit, den ein fehlbares Wesen erreichen kann, und das der einzige Weg, ihn zu erlangen.“


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