(Un)Möglichkeit versus Wahrscheinlichkeit

Manchmal äußert jemand in einer Diskussion das Argument „Aber es ist doch (rein theoretisch) möglich!“.
Ich habe das jedenfalls schon oft gehört und will deswegen darüber reden und erklären, warum es kein gutes Argument, sondern ein sehr schlechtes und äußerst schwaches Argument ist.

Zuerst muss man sich überlegen, was bedeutet es, wenn man meint etwas sei „möglich“. Hier empfiehlt sich ein kleiner Umweg, denn wenn man meint, dass etwas „möglich“ ist, dann ist es offensichtlich „nicht unmöglich“.

Wann ist etwas absolut und vollkommen „unmöglich“? Ohne weitere Annahmen zu treffen, fällt mir nur eine einzige Kategorie ein, wann wir etwas als absolut „unmöglich“ ansehen:

Etwas ist dann absolut „unmöglich“, wenn es selbst (logisch) widersprüchlich, also inkonsistent ist. Beispiele dafür sind z.B. ein „verheirateter Junggeselle“ oder ein „schwarzer Schimmel“ oder eine „lebendige Leiche“. Die inhaltliche Bedeutung des Wortes „Junggeselle“ ist, dass es ein „unverheirateter Mann“ ist. Deshalb ist ein „verheirateter unverheirateter Mann“ ein Widerspruch in sich selbst. Das Gleiche gilt für den „schwarzen Schimmel“, weil ein Pferd, welches man als „Schimmel“ bezeichnet, per definitionem weiß ist. Und das gilt natürlich auch für eine „lebendige Leiche“.

Vielleicht wird jetzt jemand einwenden, dass es noch mehr Dinge gibt, die „unmöglich“ sind, wie z.B. dass Homöopathie wirkt und heilt oder dass Dinge entgegen der Gravitation „nach oben“, also ins Universum fallen. Diese „Unmöglichkeit“ gilt aber nur, wenn man die weitere Annahme macht, dass unsere Kenntnisse der „Naturgesetze“ definitiv wahr sind. Wir „wissen“ aber nicht mit 100%iger Sicherheit, ob diese wahr sind.

Deshalb rede ich, wenn ich hier das Wort „unmöglich“ verwende, über die striktere, engere Auslegung von „Unmöglichkeit“:

Etwas in dann „unmöglich“, wenn es logisch widersprüchlich ist und damit nicht real oder wahr sein kann.

Manche ganz schlaue Philosophen (oder Theologen) gehen sogar so weit, zu behaupten, dass es überhaupt nichts gibt, was „unmöglich“ sei, weil wir nicht „wissen“ oder behaupten können, dass „unsere Logik“ universal und für alles gilt. Wenn das wahr sein sollte, dass es überhaupt nichts „unmögliches“ gibt, dann verstärkt das mein Argument nur noch mehr. Sollte es falsch sein, hat dies nur geringe Auswirkungen auf mein Argument.

Was ist nun z.B. „möglich“? Es ist möglich, dass es Kobolde gibt. Es ist auch möglich, dass es auf der Rückseite des Mondes Einhörner gibt. Man könnte nun einwenden, dass aber noch niemals jemand Kobolde und Einhörner gesehen hat und dass der Mond keine Atmosphäre hat, also die Einhörner keinen Sauerstoff atmen können. Nun, es ist dennoch möglich, dass es Einhörner auf der Rückseite des Mondes gibt, die eben keinen Sauerstoff benötigen und sich gut verstecken können.

Ist es möglich, dass die Erde doch nicht rund, sondern eine Scheibe ist? Selbstverständlich ist das möglich! Es ist möglich, dass wir uns darin irren, zu denken wir haben genug gute Belege und Argumente dafür.

Worauf ich hinaus will, ist klarzumachen, dass praktisch ALLES, mit Ausnahme etwas logisch Widersprüchlichem, möglich ist.

Dennoch geht (fast) niemand ernsthaft davon aus, dass es Kobolde, nicht atmende unsichtbare Einhörner auf der Rückseite des Mondes gibt. Oder dass die Erde doch eine Scheibe ist.
Warum nicht? Weil es keinerlei gute Argumente oder Belege dafür gibt, sogar noch mehr, es gibt gute Argumente und Belege, dass das Gegenteil eher war ist.
Es ist einfach unwahrscheinlich, dass es so etwas gibt, bzw. die Erde doch eine Scheibe ist. Wahnsinnig unwahrscheinlich.

Wenn wir also über eine Behauptung oder etwas, was existieren soll, nachdenken und diskutieren, dann zählt nicht, ob es möglich ist, sondern ob es wahrscheinlich ist. Möglich ist fast alles, damit kann man nicht zwischen Fantasie und Realität oder zwischen falsch und wahr unterscheiden. Mit Wahrscheinlichkeit kann man das aber schon in bestimmtem Maße.

Wenn man nun über irgendetwas diskutiert, also über irgendeine Meinung zu irgendeinem Thema und jemand sagt dann zur Unterstützung seiner Ansicht: „Aber es ist doch (rein theoretisch) möglich!“.

Dann antworte ich darauf:

„Und? Ja, ich gebe dir Recht, es ist nicht völlig unmöglich, aber das hilft überhaupt nicht, dann fast alles ist rein theoretisch möglich. Und gerade weil fast alles möglich ist, unterstützt dieses Argument deine Ansicht so gut wie überhaupt nicht. Mich interessiert nicht, ob es möglich ist, sondern ich will wissen, ob und wie wahrscheinlich es ist. Das Einzige was wirklich interessant ist, ist die Wahrscheinlichkeit für etwas, nicht dessen theoretische Möglichkeit. “


1 Kommentar

  1. Zeitbuerger

    Mit Statistik und Wahrscheinlichkeiten zu hantieren ist auf jeden Fall instruktiv, allerdings nicht unbedingt einfach, weil uns die Intuition da nicht selten in die Irre führt (siehe z.B. das “Ziegenproblem”). Viel lernen können wir auf jeden Fall auch immer wieder von Feynman, der ein großes Talent hatte, den Dingen mit produktiven Fragen nachzugehen. In seinem Text “unser unwissenschaftliches Zeitalter” (In “Was soll das alles?”) beschreibt er “ein paar kleine Tricks bei dem Unternehmen …, eine Idee zu beurteilen”. Im dritten Beispiel geht es da um Experimente zur Telepathie, und Feynmans Vorgehensweise dabei könnte man vielleicht so ähnlich wie “dynamische Statistik” nennen: Wenn bei immer neuen Versuchen mit immer schärfer kontrollierten Versuchsbedingungen alle neuen Ergebnsse immer deutlicher in eine bestimmte Richtung zeigen, dann gibt das deutliche Hinweise darauf, dass die Richtung mit großer Wahrscheinlichkeit richtig ist.
    Und noch aus einer ganz anderen Ecke: Da gibt es einen Tucholsky-Text “Der Zauberkünstler”. Darin heißt es u.a.: “Die meisten Kontrollen spiritistischer Sitzungen gehen von dem festen Glauben des Kontrollierenden aus: ’Mit mir kann man das nicht machen!’ … Sie merken nicht, dass sie betrogen werden, weil sie nicht betrogen werden wollen … Sie geben sich keine Niederlagen zu … Sie ahnen nicht, ein wie schlechter Beobachter der Durchschnittsmensch ist.”

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