Warum bist du so negativ?

Man hat, ungefähr in dieser Art und Weise, zu mir gesagt: „Warum bist du so negativ? Warum kritisierst du so viel? Wieso willst du den Menschen viele Dinge und „den Glauben“ wegnehmen, wenn das doch tröstet?“

Was will ich darauf antworten? Erstens denke ich nicht, dass ich „negativ“ bin. Es kommt natürlich darauf an, wie man „negativ“ hier verstehen will.

Es ist mein Ziel auf eine positive Art und Weise für ein rationales Weltbild zu werben, für die Schönheit der Welt und Natur, für das Erkennen und Verstehen dieser Welt und für ein schönes Leben. Meine Einstellung ist absolut lebensbejahend und grundsätzlich positiv.

Kritik ist etwas Positives für mich, nichts Negatives. Kritik ist ein Geschenk! Ich will niemandem etwas wegnehmen, ganz im Gegenteil. Ich möchte Menschen etwas geben, nämlich die Fähigkeit ihre Vernunft und ihren Verstand angemessen zu benutzen, wenn sie das noch nicht machen sollten. Falscher Trost und falsche Hoffnung bringen niemandem etwas, sondern führen mittel- und langfristig in die Katastrophe.

Die Fähigkeit Blödsinn als Blödsinn zu erkennen, sich selbst nicht zu betrügen und sich nicht von anderen betrügen zu lassen, ist unschätzbar wertvoll, um richtige Entscheidungen treffen zu können und dementsprechend zu handeln. Wenn man also sagt, dass es den Weihnachtsmann nicht gibt und die Erde keine Scheibe ist, dann nimmt man Menschen nicht etwas weg, sondern gibt ihnen etwas. Man gibt ihnen die Chance, die Magie und Schönheit der Realität erfassen zu können, welches wohl eines der schönsten Geschenke ist, das man machen kann.


2 Kommentare

  1. Hallo Stephan,
    weil es auf Weihnachten zugeht, muss ich schon mal etwas Wasser in die rein rationale Weltsicht gießen. Nicht nur, dass sich das rationale Leben kalt und etwas nihilistisch anfühlt, was nicht jedermann ohne Weiteres verkraftet.
    Auch ich halte jedwede Religion für Aberglaube. Trotzdem mag ich mir ein Hochzeit, eine Beerdigung und, was es sonst noch so gibt (Weihnachten gehört dazu), ohne die religiösen (in meinem Fall die christlichen) Rituale nicht Recht vorstellen. Mir ist schon klar, dass das Bestandteil meiner und nicht nur meiner Sozialisation ist.
    Aber nicht nur die Rituale geben dem Leben Halt. Auch die Trostfunktion der Religion ist nicht zu verachten. Als erwachsener Mensch kennst du sicher wie ich auch Situationen, wo es einfach nicht passend ist, die Rationalität der kalten Wirklichkeit hochzuhalten. Wenn man am Sterbebett eines nahen Verwanden sitzt, wird man kaum thematisieren, dass es das nun war und es jetzt eben aus ist. Da hält die Religion einfach den Strohhalm bereit, den der Sterbende eben gern ergreift, was zugegeben nichts über deren Wahrheitsgehalt aussagt. Aber, was sagen sie denn dem armen Teufel, der wir früh oder später auch sein werden? Da sieht der Priester mit seinem Hokuspokus wie der letzten Ölung vergleichsweise gut aus. Insofern kann ich deine oben geäußerte Meinung, dass Irrationalität automatisch früher oder später in die Katastrophe führt, nicht teilen. Die meisten Menschen, so meine Beobachtung, können sehr wohl trennen, wann es auf eiskalte Ratio und wann auf das tröstende (oder einlullende) religiöse Gefühl im Leben ankommt. Natürlich ist nichts ohne Nebenwirkung und so werden die Allzu-Leichtgläubigen häufig Opfer irgendwelcher Gurus.
    Deswegen wird diese radikale Rationalität – trotz aller lobenswerten Bemühungen hier und woanders – immer ein Minderheitenprogramm bleiben; man kann dies bedauern aber nicht ändern.

  2. Hallo egghead,

    ich finde nicht, dass eine rationale Weltsicht kalt oder nihilistisch ist. Einmal abgesehen davon, dass ich natürlich auch nicht immer rational bin, ganz im Gegenteil.

    “Rituale” oder “Traditionen” kann man auch haben und machen, völlig ohne esoterischen oder religiösen Klimbim und Mambo Jambo. Das ist nur eine Frage der Zeit und Umgewöhnung, aber kein prinzipielles Problem, auch wenn du dir das vielleicht jetzt schwer vorstellen kannst.

    “Die Trostfunktion von Religionen”. Ja, das gute, alte “Argument”. Was soll ich dazu sagen? Vielleicht das, was ich dazu immer sage:

    Ja, natürlich können “Religionen” Trost geben. Das tut auch das Buch “Herr der Ringe”, dass man lesen kann, wenn man schlecht drauf ist und in eine “andere Welt” abtauchen will/kann. Oder jegliche andere Fantasie.
    Oder Alkohol. Oder Drogen.

    Kurzfristig mag das alles super sein. Man verdrängt und ignoriert die Realität. Dadurch “tröstet” man sich für eine sehr begrenzte Zeit.

    Aber man sollte niemals vergessen, dass man dafür meist einen hohen Preis bezahlt, nämlich den, dass man seine realen Probleme ignoriert und in der Wirklichkeit nichts dagegen unternimmt. Und man nimmt noch andere “Nebenwirkungen” in Kauf, nämlich dass man falsche und schlechte Entscheidungen trifft.

    Bei dem “Trostargument von Religionen” kommt noch hinzu, dass man sich auch überlegen muss, wieviel Leid, Angst, Zorn und Hass Religionen in einzelnen Menschen ausgelöst haben. Und zwar sowohl in einzelnen Menschen, als auch ganzen Gesellschaften.
    Wieviele Menschen haben schreckliche Angst vor der Hölle? Wieviele Menschen fühlen sich überwacht? etc…pp…

    Das “Trostargument” ist kein gutes Argument FÜR Religionen, sondern der letzte Nagel in ihren Sarg.

    “Insofern kann ich deine oben geäußerte Meinung, dass Irrationalität automatisch früher oder später in die Katastrophe führt, nicht teilen.”

    Sage ich das so? Dass Irrationalität “immer und automatisch in die Katastrophe führt”?

    Also ich will es mal so formulieren: “Je mehr irrationale Ansichten man in seinem Kopf hat, desto wahrscheinlicher trifft man schlechte Entscheidungen und je mehr schlechte Entscheidungen man trifft umso wahrscheinlicher schadet man sich und anderen”.

    “Radikale Rationalität”? Was ist das, bzw. was soll das sein?

    Ich teile deine Prognose nicht, dass Rationalität für immer ein Minderheitenprogramm sein muss und wird. Wer kann von uns schon 50, 100, 500 oder 5000 Jahre in die Zukunft schauen? Wir wissen ja nicht einmal, was in 10 Jahren Sache ist.
    Ich sehe das nicht so pessimistisch, denn vom Höhlenmenschen, der gerade mal Feuer machen konnte, haben wir Menschen uns bis jetzt doch erstaunlich entwickelt, was unser Wissen und unsere Bildung angeht.

    Gerade in der letzten 400-500 Jahren haben wir einen riesigen Sprung gemacht. Und die Entwicklung hat sich immer mehr beschleunigt.
    Was wissen wir schon, wie die Rationalität von Menschen im 22.ten oder 23.ten Jahrhundert aussieht?

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