Warum man ohne (gute) Argumente und Belege nichts glauben sollte

Wie trifft jeder von uns die Entscheidung, was er glaubt und was nicht? Welche Dinge hält man für wahr und welche für falsch?

Das ist ein schwieriges und komplexes Thema, wie man entscheiden kann, ob etwas wahr oder falsch ist. Es gibt z.B. mathematische Fragestellungen oder Probleme, bei denen seit Jahrzehnten oder Jahrhunderten immer noch nicht klar ist, ob sie wahr oder falsch sind.

Es ist auch ziemlich klar, dass wir nichts mit 100%iger Sicherheit wissen werden, nicht einmal, ob dieser Satz richtig ist oder nicht.

Nun, wenn dies so ist, dass wir nichts mit absoluter Sicherheit wissen können, können wir dann wenigstens die Wahrscheinlichkeit erhöhen, damit richtig zu liegen wahre Dinge wahr und falsche Dinge falsch zu halten? Ja, ich denke, das ist möglich.

Es gibt theoretisch unendlich viele Behauptungen, Ansichten, Meinungen, Ideen über und zu unendlich vielen Themen. Aber nur ein winziger Bruchteil davon ist wahr, denn auf jede wahre Behauptung kommen potentiell unendlich viele falsche Behauptungen. Das glauben sie nicht?

Wenn ich behaupte, dass es 25.688 Tiger auf der Erde gibt, dann ist diese Aussage entweder wahr oder falsch. Höchstwahrscheinlich ist sie falsch, weil ich mir diese Zahl gerade einfach ausgedacht habe. Es könnte auch 5.334 oder 349.233 Tiger auf der Erde geben. Man kann unendlich viele Behauptungen aufstellen, wie viele Tiger es auf der Erde gibt, einfach indem man immer eine größere Zahl nimmt, ewig weiter.

Sicherlich gibt es auch viele logisch zweiwertige Aussagen und Behauptungen, wie z.B. Die Erde hat eine Scheibenform. Es gibt nur zwei Möglichkeiten, entweder die Aussage ist wahr, weil die Erde tatsächlich eine Scheibenform hat, oder sie ist falsch, weil sie keine Scheibenform hat. Man könnte also meinen, dass in diesem Fall nur zwei Behauptungen möglich sind, aber nicht unendlich viele. Allerdings sollte man nicht vergessen, dass es um eine Aussage über die Form der Erde geht und es steht jedem frei auch hier wieder unendlich viele Behauptungen über die Form der Erde aufzustellen, wie z.B.: Die Erde ist ein Dreieck, ein Viereck, ein Fünfeck, ein Sechseck usw…

Willkommen in der Unendlichkeit, schon wieder.

Nun gibt es auch noch Existenzbehauptungen, wie „Gott existiert“ oder „Geister existieren“ oder „Es gibt Werwölfe“ usw. Da gibt es aber nun tatsächlich nur zwei Möglichkeiten nämlich entweder „das Ding“ existiert oder eben nicht. Ja, prinzipiell richtig, allerdings ergibt sich auch hier die Möglichkeit annährend oder tatsächlich unendlich viele Behauptungen aufzustellen, so nach dem Kochrezept: Ein Gott existiert, zwei Götter existieren, Ein personales Gott existiert, ein allgütiger Gott existiert, ein allmächtiger und allwissender Gott mit 28 Zehen existiert etc…

Was ist mit Behauptungen in der Form: „Homöopathie heilt und wirkt gegen Bauchschmerzen.“ Hier ist es nun aber doch ganz klar, dass Homöopathie entweder wirklich die Ursache für eine Heilung ist, oder eben nicht, also die Behauptung ist entweder klar wahr oder klar falsch. Jein. Es kommt auf die genaue Formulierung an, also wie eng oder weit die Behauptung formuliert ist. Man könnte ja auch behaupten (und diese Behauptungen gibt es, machen sie sich keine Illusionen!), dass genau 3,5 Glaubuli bei Mondschein im Regen stehend oral eingenommen die Bauchschmerzen heilen.

Was ist genau der Punkt den ich mit diesen ganzen Beispielen erläutern wollte? Es gibt unzählige (im Prinzip unendlich viele) Behauptungen und nur ein winziger Bruchteil kann überhaupt wahr sein. Die Erde hat irgendeine Form, aber sie kann rein logisch nicht alle möglichen Formen, die man behaupten könnte, haben. Daher sind quasi 99,999999…(die 9er gehen fast bis in die Unendlichkeit weiter) % aller Behauptungen falsch.

Nun komme ich zu einem Punkt, über den ich noch überhaupt nicht geredet habe. Wie können wir entscheiden und feststellen, ob eine Behauptung eher wahr oder eher falsch ist? Absolute Sicherheit können wir, wie schon gesagt nicht erreichen, aber wie erhöhen wir unsere Sicherheit richtig zu liegen?

Ein erster Ansatzpunkt ist natürlich der, dass wir Behauptungen ziemlich skeptisch gegenüber stehen sollten, einfach deswegen, weil die Mehrzahl falsch ist. Wenn man einfach raten müsste, ob eine zufällig gehörte Behauptung wahr oder falsch ist, dann gewinnt man viel öfter, wenn man auf falsch tippt. Über diese Tatsache sollte man sich immer im Klaren sein!

Das gilt auch für unsere eigenen Behauptungen, vielleicht sogar besonders für sie. Wir sind viel zu stark von der Wahrheit unserer eigenen Ansichten und Meinungen überzeugt und genau das ist die Tragödie.

Es braucht einige Übung, um sich an eine kritische und zweifelnde Methode zur Überprüfung von Behauptungen zu gewöhnen und sich diese anzueignen. Grundsätzlich sollte man darauf achten alle Seiten und alle Argumente und Belege für und gegen die Wahrheit einer Behauptung zu würdigen. Man sollte versuchen diese so objektiv und vorurteilsfrei wie möglich auf Konsistenz, Widerspruchsfreiheit, logische Fehler, Stärke der Argumente, Qualität der Belege und ähnliche Dinge zu prüfen und danach erst sein Urteil bilden.

Wenn man wirklich daran interessiert ist, die Wahrheit einer Behauptung, so sicher es uns möglich ist, zu klären, dann hilft einem nur ein rationales Vorgehen, also die Benutzung von Vernunft und Verstand.

Mit Gefühlen, Wunschdenken und Illusionen senkt man die Wahrscheinlichkeit richtig zu liegen und erhöht die Wahrscheinlichkeit falsch zu liegen. Ich möchte fast hinzufügen: beträchtlich!

Kurz zusammengefasst: Man sollte bei fehlenden guten Argumenten und Belegen für eine Behauptung, diese für falsch halten und nicht für wahr, weil sie mit überwältigender Wahrscheinlichkeit falsch ist. Wenn sie wahr wäre, dann gäbe es ja gute Argumente und gute Belege, die für ihre Wahrheit sprechen würden.

Bei einigen Behauptungen kommt noch hinzu, dass es sogar gute Argumente und Belege gegen ihre Wahrheit gibt, also quasi Argumente und Belege für ihre Falschheit. In diesem Fall ist es natürlich noch leichter, die Behauptung als falsch zu erkennen.


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