Warum sind Menschen leichtgläubig?

Letzte Woche habe ich siebenmal geduscht. Vorgestern war ich im Kino, in Alien 6. Gestern ist ein Ufo in meinem Garten gelandet, drei Außerirdische kamen heraus, haben mich entführt, untersucht und wieder heil zurückgebracht.

Vor einem Monat war ich zum Kaffeetrinken bei Gott eingeladen. Vor einem halben Jahr war ich bei einem Schamanen/Naturheilkundler/Heilpraktiker, der mit irgendeinem Gerät (oder mit Homöopathie, Akupunktur oder Handauflegen), meine Krebserkrankung geheilt hat. Dieser Schamane/Naturheilkundler/Heilpraktiker hat auch schon 3 andere Leute, die ich kenne und die mir davon erzählt haben, von ihren Krebserkrankungen und einmal sogar von AIDS geheilt.

Das sind sechs Behauptungen, wie sie jeder von uns mehr oder weniger täglich hört. Welche davon glaubt man, hält man also für wahr? Was davon ist in der Realität wirklich geschehen?

Wie geht man an diese Frage heran? Irgendetwas wird man sich wohl denken, wenn man sich vorstellt, dass diese Behauptungen einem gegenüber geäußert werden.

Man könnte sich überlegen, wie außergewöhnlich welche Behauptung ist und ob die Behauptung Dingen, die man über die Welt weiß, widerspricht und welche Belege und Argumente dafür und dagegen sprechen.

Gehen wir die Behauptungen einmal Schritt für Schritt durch:

Letzte Woche habe ich siebenmal geduscht.

Das ist keine besonders außergewöhnliche Behauptung. Es ist durchaus möglich täglich zu duschen, widerspricht keinen Naturgesetzen und es hat keine großen Auswirkungen auf mein Leben, egal ob ich es für wahr oder falsch halte. Es kann natürlich trotzdem falsch sein, weil ich mich geirrt oder gelogen habe. Bei Behauptungen dieser Art ist es relativ egal, ob sie wahr sind oder nicht und ob man denkt, dass sie wahr sind oder nicht.

Vorgestern war ich im Kino, in Alien 6.

Das ist ebenfalls keine besonders außergewöhnliche Behauptung. Es ist möglich ins Kino zu gehen und widerspricht keinen Naturgesetzen. Es gilt auch hier wieder, dass es prinzipiell egal ist, ob diese Behauptung wahr ist oder nicht und ob man denkt, dass sie wahr ist oder nicht. Das hat keine (große) Auswirkung auf das eigene Leben. Wenn man allerdings weiß, dass es den Film „Alien 6“ überhaupt nicht gibt, dann weiß man auch, dass dieser nie im Kino gelaufen ist und damit weiß man, dass diese Aussage falsch ist. Durch eigenes Wissen über die Welt, ist man zu einer Unvereinbarkeit zwischen der Behauptung und dem eigenen Wissen gekommen. Wenn das eigene Wissen in diesem Fall wahr ist, es „Alien 6“ also wirklich nicht gibt, dann muss diese Behauptung falsch sein.

Gestern ist ein Ufo in meinem Garten gelandet, drei Außerirdische kamen heraus, haben mich entführt, untersucht und wieder heil zurückgebracht.

Hier sieht die Sache nun etwas anders aus. Diese Behauptung ist als sehr außergewöhnlich einzustufen. Warum? Prinzipiell ist es möglich, dass irgendwelches Leben irgendwo aus dem Universum zu uns kommt etc. Das verletzt keine Naturgesetze, wie wir sie kennen. Das Problem ist, dass man mit dieser Behauptung gleich implizit noch mehrere andere Behauptungen aufstellt, nämlich dass es anderes Leben im Universum gibt und dass diese Lebewesen die riesigen Entfernungen im Universum überbrückt haben (um nur einmal zwei Beispiele zu nennen). Für nichts davon gibt es irgendwelche Belege oder Beweise. Daher müsste man denjenigen fragen, ob er denn Beweise präsentieren kann, dass wirklich Außerirdische bei ihm gelandet sind. Kann er das nicht und hat man nur seine Behauptung und sein Wort als einzigen Beweis, dann ist das zu wenig, um diese Behauptung für wahr zu halten. Warum? Weil es eine sehr außergewöhnliche Behauptung ist, aber die Beweise für ihre Wahrheit viel zu schwach sind.

Die Wahrscheinlichkeit, dass diese Behauptung falsch ist, ist viel größer als die Wahrscheinlichkeit, dass sie wahr ist. Derjenige, der diese Behauptung aufstellt kann sich irren, halluziniert haben, gelogen haben und ein Betrüger sein etc. Persönliche Erfahrungen, Erzählungen und irgendwelche Geschichten und Anekdoten sind mit Abstand die schwächste Art von Beleg, die es überhaupt nur geben kann. Es wäre absolut leichtfertig, leichtgläubig und nicht zu rechtfertigen, wenn man diese Behauptung für wahr hält, nur weil es jemand sagt. Dabei ist es völlig egal, wer es ist, der diese Behauptung aufstellt, also es ist absolut irrelevant, ob es die eigene Frau, der eigene Mann, der Bruder oder ein völlig Fremder ist. Um diese Behauptung gerechtfertigt für wahr halten zu können, bräuchte man außergewöhnlich gute Beweise, etwas was man unabhängig untersuchen und prüfen kann. Solange dies nicht vorliegt ist die einzig rationale Entscheidung die, diese Behauptung für falsch zu halten.

Vor einem Monat war ich zum Kaffeetrinken bei Gott eingeladen.

Hier gilt ähnliches wie bei der Behauptung mit den Außerirdischen. Wenn man einmal die klassische Bedeutung des Wortes „Gott“ annimmt, also ein personales Wesen oder eine „höhere Kraft“, die transzendent ist, allmächtig, allwissend, allgütig etc., dann stellt man implizit wieder weitere Behauptungen auf. Durch die Transzendenz behauptet man zum Beispiel, dass es eine Welt hinter/neben/über/unter unserer Welt gibt. Das Problem ist, dass es dafür keine Beweise gibt, keinen einzigen! Wir dummen Menschenaffen haben die letzten 400 Jahre immense Fortschritte bei der Erforschung der Welt gemacht. Wir können Atome „sichtbar“ machen und belegen, dass diese winzigen Atome aus noch kleineren „Teilchen“ bestehen. Wir haben Dinge gefunden, die so sensationell sind, dass man es sich kaum vorstellen kann. Aber niemals und nirgendwo hat irgendwer einen Beleg dafür gefunden, dass es eine transzendente Welt oder einen „Gott“ gibt! Ist das nicht seltsam und sollte das nicht zu denken geben?

Die Beweislast liegt bei demjenigen, der eine Behauptung aufstellt. Dieser muss Belege dafür heranschaffen und präsentieren, dass seine Behauptung wahr ist. Man muss hier also fragen, welche Belege gibt es denn dafür, dass du bei „Gott“ Kaffeetrinken warst, über was habt ihr geredet und was habt ihr gemacht? Diese Behauptung hier dürfte die mit Abstand außergewöhnlichste sein, die zur Debatte steht. Daher müssen die Beweise, sie für wahr zu halten, auch mit Abstand am besten sein. Leider sind es auch in diesem Fall in der Regel die schwächsten denkbaren Belege, nämlich persönliche Erzählungen und Anekdoten. Fazit: Es ist völlig irrational diese Behauptung unter diesen Umständen für wahr zu halten, also sie zu glauben.

Vor einem halben Jahr war ich bei einem Schamanen/Naturheilkundler/Heilpraktiker, der mit irgendeinem Gerät (oder mit Homöopathie, Akupunktur oder Handauflegen), meine Krebserkrankung geheilt hat.

Diese Behauptung ist weniger außergewöhnlich als die mit „Gott“, allerdings ist sie immer noch ziemlich außergewöhnlich. Warum? Weil es keine Belege dafür gibt, dass man Krebs mit „irgendeinem Gerät“, Homöopathie, Akupunktur oder Handauflegen heilen kann. Es ist vor allem nicht bewiesen, dass der Schamane oder sein Gerät die Ursache für die Krebsheilung waren. Vielleicht war es nur Zufall? Vielleicht lag überhaupt keine Krebserkrankung vor? Vielleicht ist die Krebserkrankung „von selbst“ (Immunsystem) weggegangen? Hier gilt das gleiche, wie bei den anderen Behauptungen, nämlich dass es nicht gerechtfertigt und irrational wäre, diese Behauptung für wahr zu halten, weil es keine Belege dafür gibt.

Dieser Schamane/Naturheilkundler/Heilpraktiker hat auch schon 3 andere Leute, die ich kenne und die mir davon erzählt haben, von ihren Krebserkrankungen und einmal sogar von AIDS geheilt.

Erzählungen und Anekdoten sind keine Daten. Erzählungen und Anekdoten sind keine Belege. Erzählungen und Anekdoten für wahr zu halten, sind die beste Möglichkeit sich zu irren. Niemals darf man solche Behauptungen glauben, also für wahr halten, niemals! Das ist wie Flüsterpost, es ist nicht überprüfbar und deshalb der denkbar schlechteste Grund, etwas zu glauben. Um diese Behauptung gerechtfertigt für wahr halten zu können, müsste man nachweisen, dass diese drei Menschen wirklich die Krankheiten hatten und dass es wirklich ursächlich an der Behandlung durch die Schamanen lag, dass die Krankheit weg ging.

Nachdem wir nun diese Behauptungen einmal kurz analysiert haben, stellt sich immer noch die Hauptfrage, warum gibt es trotzdem eine signifikante Anzahl von Menschen, die Behauptungen dieser Art für wahr halten, also glauben, also leichtgläubig sind?

Das liegt wahrscheinlich an mehreren Faktoren. Erstens wollen Menschen anderen Menschen in einem Gespräch vielleicht nicht wiedersprechen, weil sie es unhöflich finden zu sagen: „Nein, ich denke nicht, dass das wahr ist.“ Man sagt ja damit, dass man denkt, dass es falsch ist, was der andere sagt. Das fassen viele Menschen als Kritik auf, auch wenn man eben nur den Inhalt ihrer Aussage für falsch hält.

Zweitens sind sich viele Menschen zu unsicher, ab wann sie eine Behauptung für wahr und bis wann sie diese für falsch halten sollen. Im Zweifel nehmen sie die Behauptung dann halt einfach als wahr an und akzeptieren diese, weil der andere hat das ja gesagt, der wird sich schon etwas dabei gedacht haben und er wird schon Recht haben. So ein Vorgehen, nicht selbst zu denken, ist höchst problematisch und gefährlich. Das ist eine gewisse Art von (Denk-)Faulheit und Bequemlichkeit, mit potentiell äußerst gefährlichen Konsequenzen.

Es gibt bestimmt noch viele andere Gründe, warum und in welchen Situationen Menschen leichtgläubig sind.

Zum Schluss möchte ich noch betonen, dass man selbstverständlich Vertrauen in Menschen haben kann und sollte und nicht paranoid an Allem zweifeln kann und sollte. Allerdings denke ich auch, dass das Pendel viel zu weit in der Hälfte der Leichtgläubigkeit ist und man durchaus deutlich kritischer und skeptischer sein sollte, vor allem was außergewöhnliche Behauptungen betrifft.


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