Wer würde eine Illusion akzeptieren, wohlwissend, dass es nichts anderes ist?

Am Wochenende habe ich das Buch „Gibt es Gott?“ von und mit Joseph Ratzinger und Paolo Flores d’Arcais gelesen. Es war sehr interessant und ich kann es nur empfehlen. Paolo Flores d’Arcais stellt darin die Frage „Wer würde eine Illusion akzeptieren, wohlwissend, dass es nichts anderes ist?“ und gibt auch gleich eine Antwort darauf, nämlich folgende:

„Um eine Glaubensrichtung zu akzeptieren, muss man sie für wahr halten. Man muss verlangen, dass sie mit den Kategorien wahr/falsch bewertet werden kann, ja deren Kernstück bildet.“

Darüber habe ich dann eine Weile nachgedacht und mich gefragt, ob er Recht hat, bzw. wie ich diese Frage beantworten würde. Mit seiner Antwort hat Paolo Flores d’Arcais zwar grundsätzlich Recht, aber er vergisst oder übersieht etwas und ich will jetzt erklären, was ich damit genau meine:

Paolo Flores d’Arcais sagt: „Um eine Glaubensrichtung zu akzeptieren, muss man sie für wahr halten.“

Das ist eine Tautologie, denn wenn man etwas „glaubt“, hält man es laut Definition des Wortes „glauben“ immer für wahr. Diese Aussage ist deshalb zwar (immer) richtig, genau wie die Aussage „Wenn ich müde bin, bin ich müde.“, aber dadurch eben auch trivial und banal.

Man könnte nun einwenden, dass es mehrere Definitionen von „glauben“ gibt. Theologen sagen gerne, dass es außer dem „Glauben, daß etwas wahr ist“ auch noch einen „religiösen Glauben an etwas“ gibt. Nach Ihnen bedeutet der „religiöse Glaube an z.B. das Christentum“, dass man Hoffnung, Vertrauen und Treue in und an das Christentum setzt.

Mich überzeugt diese künstliche Differenzierung überhaupt nicht, denn es ist aus meiner Sicht nur ein durchsichtiger Versuch sich vor Kritik und Zweifeln zu immunisieren. Man behauptet, dass es beim „religiösen Glaube(n)“ nicht darum geht, ob er wahr oder falsch ist, sondern es geht um das Vertrauen, die Hoffnung und Treue zu seiner Religion. Worauf setzt man aber sein Vertrauen, seine Hoffnung und seine Treue? Darauf, dass die Behauptungen der eigenen Religion wahr sind. Wenn mir ein Christ also erzählt, dass es ihm egal ist, ob seine Religion, also das Christentum wahr oder falsch ist, dann habe ich ernste Schwierigkeiten, ihm das abzunehmen.

Paolo Flores d’Arcais hat also, in der Regel, Recht damit, dass man etwas für wahr hält, wenn man daran glaubt.

Wir müssen uns nun aber noch einmal der ursprünglichen Frage zuwenden, die da lautet: „Wer würde eine Illusion akzeptieren, wohlwissend, dass es nichts anderes ist?“

Das interessante Wort darin lautet „wohlwissend“. Gibt es Menschen, die eine Illusion akzeptieren, wenn sie nicht wissen, dass es eine Illusion ist? So abgewandelt, ergibt sich eine zweite interessante Frage, nämlich die, unter welchen Umständen Menschen doch eine Illusion akzeptieren.

Wenn man nicht weiß, dass das, was man für wahr hält, nur eine Illusion, eine Täuschung oder ein Irrtum ist, wie will man seine Meinung darüber dann ändern können? Richtig: Überhaupt nicht!

Ich interessiere mich leidenschaftlich dafür, ob eine Behauptung oder Ansicht wahr oder falsch ist, weil ich in der Realität leben will und weil ich weiß, dass ich falsche Entscheidungen treffen und Handlungen durchführen würde, wenn diese auf falschen Annahmen beruhen. Das bedeutet nicht, dass ich keine falschen Ansichten habe oder mich niemals irren kann, aber zumindest verringere ich (deutlich) die Wahrscheinlichkeit falsche Ansichten weiter zu behalten.

Leider gibt es (viele?) Menschen, denen dieser einfache Zusammenhang nicht bewusst ist oder noch schlimmer, denen es wirklich völlig egal ist, ob eine Behauptung oder Ansicht wahr oder falsch ist. Diese Menschen haben nie gelernt und verstanden, warum es wichtig ist, sich dafür zu interessieren was wahr und was falsch ist. Diese Menschen hatten auch nie oder selten die Chance ihre Fähigkeiten zu entwickeln und zu verbessern, wie, also mit welchen Werkzeugen und Methoden man erkennen kann, was wahr und was falsch ist.

Und genau das ist der Grund dafür, warum solche Menschen sehr anfällig sind für Esoterik, Religion(en), Verschwörungstheorien, Pseudomedizin (=Alternativmedizin), Pseudowissenschaft und ähnliche Dinge.

Wahrscheinlich würden diese Menschen nicht mehr an Dinge glauben, wenn sie wissen würden und verstehen würden, dass und warum sie falsch sind. Insofern hat Paolo Flores d’Arcais Recht mit seiner Antwort, dass kaum jemand „wohlwissend“ eine Illusion glaubt.

Ich bin mir nur nicht sicher, ob dies wirklich auf alle Menschen zutrifft. In dem Film „Matrix“ gibt es den „Verräter“ Cypher, der Morpheus und Neo ausliefert, weil ihm ein wunderschönes Leben innerhalb der Matrix versprochen wird. Der Verräter Cypher weiß genau, dass die Matrix nur eine Illusion ist und nicht die Realität darstellt, aber es ist ihm egal, Hauptsache er hat ein „schönes Leben“, egal ob es in der Realität oder nur in seiner Einbildung, stattfindet.

Der Einwand, dass Matrix doch nur ein fiktionaler Film ist, ist sicher richtig, aber ich bin mir nicht sicher, ob diese grundsätzliche Einstellung von Cypher nicht von einigen Esoteriken und religiösen Menschen geteilt wird. Ich gehe sogar so weit, zu behaupten, dass einigen Menschen durchaus bewusst ist, dass sie an eine Illusion „glauben“. Es ist Ihnen aber egal, Hauptsache sie fühlen sich wohl dabei.

Paolo Flores d’Arcais dachte eventuell, dass seine Frage „Wer würde eine Illusion akzeptieren, wohlwissend, dass es nichts anderes ist?“ offensichtlich eine rhetorische Frage ist, da die Antwort „Niemand!“ doch völlig selbstverständlich ist.

Ich bin mir da nicht so sicher, wie er es vielleicht ist. Wenn es tatsächlich Menschen gibt, wie ich vermute, die eine Illusion wohlwissend akzeptieren, dann stellt sich mir als nächste Frage, welche Gründe es dafür gibt und warum sie es tun?


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