Interview mit Dr. Christian Weymayr, Autor des Buches „Die Homöopathie-Lüge“ (Teil 1)

Frage: Herr Dr. Weymayr, um es gleich zu Anfang zu klären: Sind sie ein bezahlter Agent von „Big Pharma“?

Dr. Weymayr: Nein, das bin ich nicht. Für Bayer beispielsweise habe ich zwar gearbeitet und auch deren Forschungsmagazin betreut, aber ich war auch für die anderen Player im Gesundheitssystem schon tätig.

Macht dieser Vorwurf überhaupt Sinn, da Pharmaunternehmen ja auch untereinander in Konkurrenz stehen und es ein Gebilde wie „Big Pharma“ gar nicht gibt?

Es gibt schon gemeinsame Interessen der Pharmaunternehmen und entsprechende Lobbyarbeit. Das sollte man nicht unterschätzen. Aber in diesem Fall ist der Vorwurf deshalb unsinnig, da unser Buch den Interessen von „Big Pharma“ eher schadet als nützt. Wir unterstützen nicht die „Schulmedizin“, die auch in vielen Fällen Dinge macht, die wissenschaftlich nicht belegt sind. Wir plädieren in unserem Buch vielmehr für eine wissenschaftlich fundierte Medizin.

Das bedeutet oft, nichts zu unternehmen und abzuwarten?

Ja, das ist etwas, was in dem Buch mitschwingt. Eine defensivere Haltung der Medizin kann durchaus Sinn machen. Und so eine Einstellung kann der Pharmaindustrie nicht gefallen.

Herr Dr. Weymayr, würden Sie sich selbst als einen rationalen Menschen bezeichnen?

Ich bin ein sehr rationaler Mensch, was aber nicht heißt, dass ich mich nicht auch freuen oder auch romantisch sein kann. Die gängige Unterstellung, dass man als rationaler Mensch keine Freude etwa an einem Sonnenuntergang oder an schöner Musik haben kann, ist Unsinn. Ich muss dahinter aber keine höhere Macht sehen. Es tut der Schönheit des Sonnenuntergangs keinen Abbruch, wenn ich weiß, dass er durch physikalische Phänomene in der Atmosphäre entsteht.

Sie würden die Behauptung, dass die Welt durch Wissenschaft „entzaubert“ oder ihrer Schönheit beraubt wird, also ablehnen?

Richtig, das kann man so sagen. Für mich ist die Welt nicht weniger wunderbar oder großartig, auch wenn ich keine höhere Macht dahinter vermute.

Denken Sie, dass es sinnvoll ist, seinen Verstand zu benutzen und falls ja, warum?

Seinen Verstand einzusetzen ist sinnvoll, weil es Sicherheit gibt. Rationalität ist die einzig belastbare Argumentationsgrundlage. Wenn emotional argumentiert wird, kommt man schnell an den Punkt zu sagen: „Ja das ist halt meine Wirklichkeit“. An diesem Punkt kommt man aber nicht weiter. Man hat keine Grundlage, um richtig von falsch oder wahr von unwahr zu unterscheiden.

Wie hat sich die Idee entwickelt, ein Buch über das Thema „Homöopathie“ zu schreiben?

Ich beschäftige mich schon länger mit der Homöopathie, weil ich nach wie vor fassungslos davor stehe, wie akademisch ausgebildete Menschen allen Ernstes geistartige Dinge in ihre professionellen Überlegungen mit einbeziehen können. Das habe ich nie verstanden und verstehe es bis heute nicht. Als ich dann zunehmend gesehen habe, wie fest die Homöopathie verankert ist, auch rechtlich, wollte ich dies einmal systematisch aufarbeiten. Ein weiterer Beweggrund war meine Beschäftigung mit der evidenzbasierten Medizin. Hier streitet man sich teilweise um Feinheiten, nimmt aber hin, dass es völlig losgelöste Bereiche in der Medizin gibt, wie die Homöopathie. Dies wird ignoriert oder toleriert. Deswegen kritisieren wir im Buch auch, dass sich evidenzbasierte Medizin auf das Spielchen eingelassen hat und letztendlich sogar zum Werkzeug der Homöopathen geworden ist.

Was halten Sie von der Marburger Erklärung zur Homöopathie von 1992?

Das war völlig richtig und hätte durchgehalten werden müssen. Aber die Aussage der Mitglieder der medizinischen Fakultät der Uni Marburg, die Homöopathie sei eine „Irrlehre“ und dürfe nicht neutral als Lehrgegenstand angeboten werden, hat sich an deutschen Universitäten nicht durchgesetzt.

Gab es damals einen Aufschrei deswegen von Seiten der Politik oder der Medien?

Die Erklärung hatte schon für einigen Wirbel gesorgt, aber die anderen Kräfte waren eben stärker, seien es massive Lobbyanstrengungen oder andere Dinge. Das Konzept der Homöopathie ist vielen Leuten anscheinend so nahe, dass sie sich schwer damit tun, eine rationale Haltung einzunehmen.

Ohne eine Verschwörungstheorie anzetteln zu wollen, wie lief die Recherchearbeit zum Buch? Gab es irgendwelche größeren Probleme bzw. hatten Sie den Eindruck, dass Ihnen Steine in den Weg gelegt wurden?

Nein, uns wurden keine Steine in den Weg gelegt. Es war zwar eine gewisse Angst da, dass negativ berichtet wird. Dennoch war die Bereitschaft vorhanden, mit uns zu reden. In der Carstens-Stiftung beispielsweise, deren Bibliothek ich benutzt habe, war man sehr offen und freundlich – obwohl bekannt war, dass ich GWUP Mitglied bin.

Hat Sie das nicht erstaunt?

Einerseits ja, andererseits droht klassischen Homöopathen die größte Gefahr nicht von Menschen wie Nicole Heißmann und mir, sondern beispielsweise von Verfechtern der „neuen Homöopathie“, die Zeichen auf Körper malen, und dies dann Homöopathie nennen, oder von Organisationen wie den „Homöopathen ohne Grenzen“. Skandale oder gar Todesfälle bringen negative Schlagzeilen, die auch auf die klassische Homöopathie abfärben.

Woran liegt es, dass es Menschen gibt, die Homöopathie für funktionsfähig, für möglich und für wirksam halten?

Weil sie der eigenen Erfahrung mehr als allem anderen trauen. Die wichtigste Hürde, über die man als skeptischer Mensch springen muss, ist die, der eigenen Erfahrung zu misstrauen. Wer diesen Schritt nicht macht, der hält natürlich alles für möglich. Man glaubt, dass man mit Zuckerkügelchen (Globuli) heilen kann, weil Leute gesund geworden sind. Doch schon das ganz kleine 1×1 der evidenzbasierten Medizin besagt: Die (eigene) Erfahrung hat den niedrigsten Stellenwert in der Evidenzhierarchie. Das ist nicht einfach zu verstehen und zu akzeptieren. Und jeder, der Homöopathie anbietet und davon überzeugt ist, hat das nicht akzeptiert. Deswegen stehen wir auch hinter dem Titel „Die Homöopathie-Lüge“. Wer behauptet, er könne eine auf naturwissenschaftlichen Prinzipien beruhende Medizin und gleichzeitig Homöopathie anbieten, der lügt, weil sich das gegenseitig ausschließt.

Sie sind promovierter Biologe, also ein Naturwissenschaftler. Kritiker könnten sagen: „Herr Weymayr ist doch überhaupt kein Arzt, wie kann er es wagen über ein Thema zu schreiben, von dem er keine Ahnung hat?“. Halten Sie sich für kompetent genug, und wenn ja, warum? Was haben die Naturwissenschaften zum Thema Homöopathie zu sagen?

Zum einen berührt die Homöopathie ganz grundsätzliche naturwissenschaftliche Phänomene, zum Beispiel das Dosis-Wirkungsprinzip. Dass etwas stärker wirken soll, wenn es stärker verdünnt ist, ist keine medizinische,  sondern eine naturwissenschaftliche Frage. Und ob etwas wirkt oder nicht, kann man nur anhand von Experimenten und Studien beurteilen. Dafür muss man deren Aussagekraft einschätzen können, aber kein Arzt sein. Manchmal steht dem Arzt vermutlich seine Nähe zum Patienten sogar im Weg, um objektiv beurteilen zu können, ob etwas nützt oder nicht.

Es gibt den Begriff der „Schulmedizin“. Homöopathie gehört zur Richtung der „Alternativmedizin“, manche sagen auch „Komplementärmedizin“ oder „integrative Medizin“. Was halten Sie von diesen Begriffen?

Nichts. Ich halte auch eigene Lehrstühle für Komplementärmedizin für überflüssig und eher kontraproduktiv. Diese Begriffe stellen die Situation völlig falsch dar. Die „Schulmedizin“ folgt ja gerade keiner Schule, sondern folgt der Evidenz, während die Homöopathie einer Schule folgt, nämlich der von Hahnemann. „Alternativmedizin“ suggeriert, dass man es statt der wissenschaftlich fundierten Medizin verwenden kann, was falsch und gefährlich ist. Auch “Komplementärmedizin“ ist irreführend, weil damit unterstellt wird, sie könnte die wissenschaftlich fundierte Medizin bereichern. Unter dem Strich gilt: Was erfolgversprechend ist, soll in der wissenschaftlich fundierten Medizin mit ihrer Methodik untersucht werden und auch dort angewandt werden. Alles andere hat in der akademischen Medizin nichts verloren.

Hätten Sie auch ein Buch über Akupunktur, Kinesiologie, TCM, Ayurveda, Reiki, Aromatherapie, Edelsteintherapie oder Aura-Healing schreiben können? Was sind die Unterschiede und Gemeinsamkeiten von Homöopathie und den gerade genannten Dingen?

Grundsätzlich ja. Man könnte eine grobe Unterscheidung in drei Kategorien vornehmen: Erstens rein geistartige „Verfahren“ ohne materielle Wechselwirkung, also Esoterik pur. Zweitens Verfahren mit teilweise physiologischem Effekt, aber zusätzlich mit einem esoterischen Überbau. Und drittens Verfahren, bei denen man die Wirkung nur als rein physiologischen Effekt ansieht. Der Vorteil und Pluspunkt der rein geistartigen Verfahren ist der, dass es keine direkten Nebenwirkungen geben kann, eben weil es keine materielle Interaktion gibt. Das ist sicherlich einer der Hauptgründe dafür, dass Homöopathie so erfolgreich ist. Mit dieser Dreiteilung will ich aber keinesfalls sagen, dass dadurch entschieden ist, was unter dem Strich besser ist. Man muss sich die Evidenzen in jeder dieser Kategorien gesondert anschauen und beurteilen. Der Nachteil von Verfahren gerade aus der dritten Kategorie ist der, dass es Nebenwirkungen gibt. Wenn dann der Nutzen nicht erwiesen ist, wird dem Patienten nur geschadet. Ein Beispiel ist die Ultraschalluntersuchung zur Vorsorge vor Eierstockkrebs. In einer sehr großen und guten Studie wurde damit keine einzige Frau vor dem Tod durch Eierstockkrebs bewahrt, aber vielen Frauen wurde unnötigerweise ihr Eierstock entfernt. Da schneiden homöopathische Arzneien unter dem Strich besser ab: Sie bringen den Patienten zwar ebenfalls keinen Nutzen, schaden aber auch nicht.

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Kindle Version:

Die Homöopathie-Lüge: So gefährlich ist die Lehre von den weißen Kügelchen

Gedruckte Version:


Hier geht’s zum zweiten Teil des Interviews:
Interview mit Dr. Christian Weymayr, Autor des Buches „Die Homöopathie-Lüge“ (Teil 2)

Hier geht’s zur Webseite des Autors

Homepage von Herrn Dr. Weymayr

Weiterführende Links

Buchrezension von Dr. Florian Freistetter

Buchrezension von Prof. Ulrich Berger


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