Interview mit Dr. Christian Weymayr, Autor des Buches „Die Homöopathie-Lüge“ (Teil 2)

Halten Sie es grundsätzlich für möglich, dass Sie, und alle die der Homöopathie kritisch und skeptisch gegenüber stehen, sich irren könnten?

Ja, theoretisch natürlich schon. Aber für die reale Welt, in der wir leben, ist das ein irrelevantes Gedankenexperiment. Ob wir alles nur träumen, in der Matrix leben oder was man sich sonst noch alles vorstellen kann, ist für unseren Alltag irrelevant. Ein Arzt darf sich deshalb nicht in irgendwelchen Gedankenspielen verlieren, sondern er hat die Aufgabe, uns im Hier und Jetzt, egal ob es real ist oder nicht, zu behandeln und zwar nach objektiven und nachvollziehbaren Grundsätzen.

Was ist von dem Argument zu halten, dass die Wissenschaft in einem, zehn oder hundert Jahren eventuell belegen könnte, dass Homöopathie doch wirkt? Für wie wahrscheinlich kann und muss man das halten?

Das kann man annähernd damit vergleichen, dass man vielleicht doch noch feststellt, dass die Erde eine Scheibe ist und keine Kugel. Man müsste also nicht nur neue Naturgesetze finden, sondern es müssten sich sogar die Naturgesetze, von denen wir sicher annehmen, dass sie korrekt sind, als falsch oder zumindest fehlerhaft erweisen. Das würde ich als eine höchst unwahrscheinliche Möglichkeit einstufen. Wenn dies doch eintritt, würde es mein Weltbild erschüttern und zwar in jeder Hinsicht. Ich wüsste nicht mehr, was wahr und was nicht wahr ist. Ich würde mich schnell an irgendetwas festklammern, weil man nicht mehr sicher sein könnte, dass die Gesetze der Schwerkraft noch gelten und mich am Boden halten.

Welche Argumente oder Belege müssten Anhänger der Homöopathie präsentieren, damit Sie ihre Meinung ändern?

Sie müssten zum einen beweisen, dass ein Arzneimittel auch geistartige Kräfte hat, sie müssten außerdem beweisen, dass diese Kräfte in Wasser oder Alkohol gespeichert werden können, und sie müssten auch noch erklären und beweisen, wie es kommt, dass nur die „heilsamen“ Kräfte weitergegeben, die schädlichen Kräfte aber herausverdünnt werden. Alle drei Punkte sind zwingend, es ist nicht ausreichend nur einen oder zwei Punkte davon bewiesen zu haben. Alle Erkenntnisse der vergangenen 200 Jahre, die es über die Homöopathie nun schon gibt, deuten jedoch genau in die andere Richtung.

Laut dem Binnenkonsens müssen einige spezielle „Therapierichtungen“, zu denen auch die Homöopathie gehört, keine spezifische Wirksamkeit nachweisen. Die Homöopathie behauptet aber, dass sie heilt, also wirkt. Wer trägt denn die Beweislast für eine Behauptung oder anders gefragt, warum ist die Homöopathie von der Beweislast befreit?

Der Binnenkonsens ist gekommen, weil es damals zum richtigen Zeitpunkt Lobbyisten gab, die dafür eingetreten sind und die sich offensichtlich durchsetzen konnten. Die Beweislast trägt der Behauptende, wobei im Falle der Homöopathie der Begriff „Beweislast“ sehr großzügig ausgelegt wurde, weil die Wirkung eben nicht nach herkömmlichen Maßstäben „bewiesen“ werden muss, sondern es genügt, wenn ein Wirkstoff in der Welt der Homöopathie als wirksam angesehen wird.

Der Untertitel des Buches lautet „So gefährlich ist die Lehre von den weißen Kügelchen“. Mussten Sie der Versuchung widerstehen „Leere“ statt „Lehre“ zu schreiben?

Der Gedanke kam uns schon, aber wir mussten ihm nicht wirklich widerstehen. Ich finde Wortspiele nicht grundsätzlich schlecht, aber dieses spezielle Wortspiel schien uns doch etwas abgedroschen zu sein.

Warum ist die Lehre von den weißen Kügelchen gefährlich? Anhänger der Homöopathie sagen, dass es doch nicht gefährlich ist, selbst wenn es überhaupt nicht wirkt.

Es ist richtig, dass Homöopathie keine direkten Schäden verursacht, eben weil nichts wirken kann. Selbst die Niedrigpotenzen sind in aller Regel ungefährlich, weil man beispielsweise, wenn es sich um Lösungen handelt, zuerst eine Alkoholvergiftung bekäme, bevor das Mittel physiologisch wirken könnte. Das Problem sind die indirekten Gefahren: dass man medikamentenhörig wird, dass man wirksame Therapien vernachlässigt oder unterlässt, und, was uns besonders wichtig ist, dass man rationale Kriterien verliert.

Wie sehen Sie das Thema „Freiheit“ in diesem Zusammenhang? Sollte es nicht jedem frei stehen, zu machen was er will? Wenn also jemand Homöopathie nutzen will, soll man das dann erlauben oder würden Sie Homöopathie sogar verbieten lassen?

Natürlich würden wir es erlauben, das war zwischen Frau Heißmann und mir immer unstrittig. Es steht jedem frei zu tun und zu lassen was er will. Wenn ich meine, dass mir gegen meine Krankheit eine schwarze Kerze, die ich anzünde, hilft, dann kann mir das niemand verbieten. Aber ein akademisch ausgebildeter Arzt gibt mit seinem Titel das Versprechen auf eine rational fundierte Behandlung und das leistet die Homöopathie nicht. Deswegen sind wir dafür, dass Ärzte das nicht anbieten sollen. Wir gehen noch weiter: Die Homöopathie soll nicht nur raus aus den Arztpraxen, sondern auch raus aus den Universitäten, raus aus den Apotheken, raus aus den Gesetzen und raus aus der Bezahlung durch die Krankenkassen. Wenn Patienten dennoch nach Homöopathie verlangen und der Arzt den Placeboeffekt „mitnehmen“ will, dann muss er trotzdem ehrlich gegenüber dem Patienten sein und ihn darüber aufklären. Von sich aus sollte er es nicht anbieten, denn dann könnte er mit dem gleichen Recht auch Voodoo oder Beschwörungen anbieten.

Wenn man Homöopathie, aus guten Gründen, nicht verbieten kann und will, wie kann man dann Menschen davor schützen? Bessere Bildung, mehr und bessere Aufklärung?

Wenn man homöopathischen Arzneimitteln ihren rechtlichen Sonderstatus durch den Binnenkonsens nehmen würde, dann würde sich vieles erübrigen. Wenn man obendrein Globuli im Supermarkt kaufen könnte, würden sie ihre „Aura“, ein echtes Medikament zu sein, verlieren.

Professor Martin Lambeck beschreibt in seinem Buch „Irrt die Physik?“ seine Motivation dieses Buch geschrieben zu haben, so, dass er es erschütternd findet, dass der Bundesadler auf dem Binnenkonsens „prangt“ und dieses Gesetz vom Bundespräsidenten unterzeichnet ist.

Auch ich finde das erschütternd. Pharmaunternehmen müssen mit teuren Studien nachweisen, ob ein Medikament wirksam ist. Homöopathie kann sich einfach auf den Binnenkonsens berufen und eine „Wirksamkeit per Definition“ für sich behaupten, obwohl keine wissenschaftliche Prüfung erfolgt ist. Diesen aberwitzigen, rechtlichen Sonderstatus abzuschaffen, wäre ein entscheidender Schritt.

Wenn überhaupt Kritik zu ihrem Buch aus der kritischen und skeptischen Szene geäußert wurde, dann ging es hauptsächlich um die Wahl des Titels. Manche sagen, dass so ein Titel wie „Homöopathie-Lüge“ zu aggressiv und reißerisch sei und sich deshalb kein Homöopathie Anhänger dieses Buch kaufen und lesen wird. Ist das nicht „preaching to the choir“?

Wir halten den Titel für gerechtfertigt. Wenn man einen neutralen Titel verwendet hätte, dann hätte man vielleicht einige Leser mehr gewinnen können, aber die hätten nach wenigen Seiten sowieso zu lesen aufgehört. Es ist nach meiner Meinung eine Illusion, dass sich überzeugte Homöopathie-Befürworter durch irgendwelche Argumente beeindrucken lassen.

Für den bemerkenswertesten Punkt in Ihrem Buch halte ich die Diskussion um EbM (englisch evidence-based medicine „auf Beweismaterial gestützte Heilkunde“) und „Scientabilität“. Zunächst: Könnten Sie vielleicht kurz erklären und definieren, was EbM und RCT (englisch: randomized controlled trial) sind, wie sie funktionieren, was sie leisten und wo die Grenzen sind?

EbM geht davon aus, dass man Wirkungen und Nutzen auch belegen können muss. Belegen heißt in dem Fall, dass man entsprechende aussagekräftige Studien benötigt. Es gibt hier verschiedene Abstufungen: Die niedrigste Evidenzstufe ist die Expertenmeinung. Dann geht es über die Fall- und Kohortenstudie bis hinauf zum „Goldstandard“ der RCT, also der randomisierten klinischen (Doppelblind)Studie, mit der man Verfälschungsfaktoren am wirkungsvollsten ausschließen kann. Verfechter der EbM haben sich, vielleicht beflügelt durch ihre großartigen Erfolge, zu der Annahme hinreißen lassen, man könne mit ihrer Methodik alles untersuchen. Aber das ist unserer Ansicht nach falsch. Denn keine Studie liefert so hieb- und stichfeste Ergebnisse, dass sie zu einem Richter über die Validität von Naturgesetzen werden könnte. Auch RCTs haben deshalb nur dann einen Sinn, wenn eine Wirkung zumindest plausibel ist und nicht den Naturgesetzen widerspricht.

Und was verstehen Sie unter „Scientabilität“?

Die Forderung der Scientabilitätsprüfung ist folgende: Bevor man klinische Studien macht, sollte man prüfen, ob das Medikament oder das Verfahren den bekannten Naturgesetzen widerspricht. Wenn Naturgesetze verletzt werden, haben klinische Studien keinen Sinn. Im Gegenteil, es ist gefährlich, weil zwangsläufig auch Studien mit positiven Ergebnissen zu erwarten sind, die dann über- oder missinterpretiert werden.

Ist die Diskussion um EbM und „Scientabilität“ also im Kern eine erkenntnistheoretische bzw. wissenschaftstheoretische Frage?

Ja, genau. Die Fehlerrate der Methoden, mit denen man Naturgesetze untersucht und geprüft hat und immer noch prüft, ist viel geringer als die Fehlerrate von RCTs. Die Belege für die Richtigkeit der Naturgesetze sind viel zu stark, als dass man diese ernsthaft mit RCTs erschüttern könnte, eben auch weil wir wissen, dass diese RCTs fehleranfällig sind.

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Kindle Version:

Die Homöopathie-Lüge: So gefährlich ist die Lehre von den weißen Kügelchen

Gedruckte Version:

Hier geht’s zum dritten Teil des Interviews:
Interview mit Dr. Christian Weymayr, Autor des Buches „Die Homöopathie-Lüge“ (Teil 3)

Hier geht’s zur Webseite des Autors

Homepage von Herrn Dr. Weymayr

Weiterführende Links

Buchrezension von Dr. Florian Freistetter

Buchrezension von Prof. Ulrich Berger


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