Interview mit Dr. Christian Weymayr, Autor des Buches „Die Homöopathie-Lüge“ (Teil 3)

In Ihrem Buch „Die Homöopathie-Lüge“ sprechen Sie und Frau Heißmann viele verschiedene Punkte im Zusammenhang mit  der Homöopathie an, man könnte auch sagen, Sie behandeln das Thema eindeutig „ganzheitlich“. Sie erklären was Homöopathie ist, warum Menschen daran glauben, was die Wissenschaft dazu sagt (und wie sie missbraucht wird) und vor allem, welche Rolle Ärzte, Pharmaindustrie, Apotheken, Politik, Krankenkassen und Medien dabei spielen. In welchem Bereich sehen Sie den dringendsten Handlungsbedarf für Veränderungen und welche Veränderungen sollten dies sein?

In diesem Zusammenhang sind drei Veränderungen ganz wichtig: Erstens müsste der Druck auf Politiker, Ärzte, Apotheken und Krankenkassen erhöht werden, sich kritischen Fragen zu stellen. Im Moment können es sich die Beteiligten relativ leicht machen und das Thema ignorieren. Zweitens gehört die Apothekenpflicht für Globuli und andere homöopathische Arzneien abgeschafft, man sollte sie auch im Supermarkt kaufen können. Und drittens wäre es, wie gesagt, am wichtigsten, die rechtliche Sonderstellung der Homöopathie und der anderen speziellen Therapieformen, also den Binnenkonsens, abzuschaffen.

Welches Ziel oder welche Ziele wollen Sie mit diesem Buch erreichen und denken Sie, es ist realistisch erreichbar?

Es geht uns darum, eine Diskussion anstoßen, das sollte schon erreichbar sein. Wir wollen Menschen klarmachen, was Homöopathie ist. Viele Menschen haben mit Esoterik nichts am Hut und wollen das auch überhaupt nicht. Sie denken, Homöopathie hat mit Esoterik nichts zu tun und sei seriös, schließlich wird sie von vielen Krankenkassen bezahlt und in Apotheken verkauft. Wenn man Ihnen dann erklärt, was Homöopathie ist, was sie behauptet und von den geistartigen Kräften erzählt, dann stutzen die meisten Menschen erst einmal und denken nach. Homöopathie ist Esoterik pur, nur leider wissen das viele nicht.

Was ist für Sie das schwächste Argument der Homöopathie Befürworter?

Das Hauptargument der Homöopathie-Befürworter, das auch der Deutsche Zentralverein homöopathischer Ärzte verwendet, ist zugleich das schwächste: „Wir wissen nicht, wie Homöopathie wirkt, und es ist auch (natur)wissenschaftlich nicht erklärbar, aber es wirkt trotzdem“. Das ist ein Widerspruch in sich. Das ist, als würde man sagen: Ein Mensch kann zwar nicht fliegen, aber ich versuche es trotzdem und stürze mich vom Kirchturm.

Welches ist das Beste, wenn man das überhaupt so sagen kann?

Das (scheinbar) beste Argument hängt mit dem schwächsten eng zusammen: „Wir erfahren selbst, dass Homöopathie wirkt.“ Dieses Argument hat eine hohe Überzeugungskraft, weil man eben seinen Erfahrungen sehr stark vertraut. Zudem werden bei so einer allgemeinen Formulierung alle Wirkungen in einen Topf geworfen. So wird jeder Placeboeffekt automatisch den Arzneimitteln gutgeschrieben.

Wie oder mit welchem Argument kann man versuchen, einen Anhänger der Homöopathie zu überzeugen oder zum Nachdenken zu bewegen?

Einen wirklichen Anhänger wird man ebenso wenig vom Gegenteil überzeugen können wie jemanden, der meint, eine Jesuserscheinung gehabt zu haben. Gegenüber jemandem, der nur halb überzeugt ist, kann man so argumentieren: „Nenn mir irgendein Verfahren, welches du für unmöglich hältst, Heilsteine, Handauflegen, Telefonheilung, Fernheilung, Voodoozauber oder was auch immer. Und dann sage mir, nach welchen Kriterien sich dieses Verfahren von Homöopathie unterscheidet? Die positiven Erfahrungen können es nicht sein, denn die gibt es für jedes Verfahren.“

Sie schreiben in Ihrem Buch, Zitat: „Vor allem aber untergraben sie ein Denken, das auf rationalen Kriterien beruht – wer Homöopathie für möglich hält, muss alles für möglich halten.“ Können Sie das etwas ausführen warum Sie das so sehen bzw. was Sie damit genau meinen?

Homöopathie geht von geistartigen Wirkungen aus, für die es keine rationale Grundlage gibt. Wenn ich das akzeptiere, dann muss ich konsequenterweise auch alles andere akzeptieren, für das es keine rationale Grundlage gibt. Das ist gefährlich, denn wenn morgen ein Demagoge kommt und Dinge erzählt, die vielen plausibel erscheinen, aber nicht rational verständlich oder zu rechtfertigen sind, dann kann die Gesellschaft in große Probleme kommen.

Harald Walach ist aktueller Preisträger des „Goldenen Bretts vorm Kopf 2012“. Sie erwähnen ihn ebenfalls in Ihrem Buch. Bettina Reiter hat bei der Verleihung seine Rede vorgetragen, da er leider verhindert war. Herr Walach sagt darin, dass der derzeitige Begriff der Rationalität nicht ausreichend ist, noch denkt er, dass wir wirklich verstanden haben, wie Heilung funktioniert. Er hält „unser“ wissenschaftliches Weltbild für nicht ausreichend, weder als Weltbild, noch was das Adjektiv „wissenschaftlich“ betrifft. Dies ist von Ihm wohl kaum satirisch oder ironisch gemeint, was halten Sie davon?

Das ist in meinen Augen kompletter Unsinn. Nur weil man noch nicht alles erklären kann, heißt das nicht, dass das, was man sich erklären kann, nicht stimmt. Das Argument, dass man noch nicht alles weiß, sich in manchem irrt und manches revidieren wird, bedeutet nicht, dass man alles revidieren wird. Man wird auch in der Medizin noch mehr lernen und wissen. Man hat aber auch schon einen großen Wissensfundus, der definitiv nicht mehr umgestoßen werden wird.

Inzwischen gibt es schon 60 Rezensionen bei Amazon zu ihrem Buch, fast 50 % vergeben die Höchstwertung von 5 Sternen, ca. ein Drittel vergibt nur einen Stern. Haben Sie sich die 1-Sterne Rezensionen einmal mitsamt den Kommentaren dazu durchgelesen?

Ich habe alle Rezensionen, aber nicht alle Kommentare gelesen. Es hat mich aber sehr gefreut, wie in den Kommentaren auf diese Rezensionen geantwortet wurde und das überwiegend in einem sachlichen Stil. Das finde ich bewundernswert, denn viele der 1-Sterne Rezensionen scheinen beim Lesen nicht über den Titel hinausgekommen zu sein.

Welche Erfahrungen haben Sie persönlich mit Homöopathie gemacht? Wie fanden Sie die Aktion 10:23?

Ich habe keine persönlichen Erfahrungen mit Homöopathie gemacht und halte diese auch für irrelevant, da positive oder negative Erfahrung ohnehin keine Aussagekraft hätte, wozu also? Die Aktion 10:23 fand ich klasse und sehr überzeugend. Paradox war, dass es von homöopathischer Seite als unwissenschaftlich bezeichnet wurde. So weit ist es schon gekommen, dass Homöopathen der GWUP vorwerfen, unwissenschaftlich zu sein. Spätestens da müssten alle Alarmglocken schrillen und klar sein, dass in der Wissenschaft etwas aus dem Ruder gelaufen ist.

Wenn Sie Diskussionen mit Ärzten oder Apothekern über Homöopathie geführt haben, was haben Sie dort erlebt?

In Diskussionen mit Ärzten oder Apothekern war ich erstaunt, wie wenig mitunter selbst Menschen, die die Homöopathie verbreiten, über Homöopathie wissen. Und ich bin entsetzt, wie wenig sie über evidenzbasierte Medizin wissen. Doch selbst wenn man sie mit Fakten konfrontiert, die sie bis dahin nicht kannten, habe ich noch nie erlebt, dass sich Anhänger der Homöopathie auch nur einen Millimeter bewegt hätten.

Sie schreiben in ihrem Buch, dass in fruchtlosen Diskussionen über Homöopathie schon Freundschaften und vielleicht sogar Ehen gescheitert sind. Sie haben das hoffentlich nicht aus Erfahrung geschrieben?

Das mit der Ehe nicht, zum Glück sind meine Frau und ich uns über Homöopathie einig. Es wäre sicher eine große Belastung, wenn meine Frau unseren Kindern homöopathische Mittel geben oder selbst nehmen würde. Bei Freundschaften habe ich zumindest erlebt, dass es einen deutlichen Knacks gegeben hat.

Welche Lehre(n) kann man aus der Homöopathie und der Diskussion um sie ziehen? Gibt es positive Impulse, die unsere Sicht auf die Medizin insgesamt bereichern können und falls ja, welche wären das?

Die Homöopathie regt zum Nachdenken über den Placeboeffekt an. Die wissenschaftlich fundierte Medizin sollte daraus lernen, wie wenig echte Medikamente es im Alltag braucht, und als Konsequenz daraus wesentlich defensiver agieren. Eine ganzheitliche Behandlung im fundierten Sinne wäre, dass sich ein Arzt mehr Zeit nimmt und sich bei jeder Diagnose und Therapie fragt, ob sie wirklich notwendig sind. Das Problem ist, dass das Gesundheitssystem dies nicht vorsieht, sondern auf Wachstum ausgelegt ist. Viele Patienten erwarten auch einen tatkräftigen Arzt, was den verbreiteten Aktionismus weiter fördert. Hier müsste ein grundsätzliches Umdenken einsetzen. Ich persönlich habe meine Lehren aus gut 20 Jahren Medizinjournalismus bereits gezogen. Ich gehe nur dann zum Arzt, wenn drei Bedingungen erfüllt sind: Wenn mich eine Krankheit, Verletzung oder auffällige Veränderung deutlich beeinträchtigt, wenn ich den Eindruck habe, dass mein Organismus damit langfristig nicht selbst fertig wird, und wenn ich eine Chance sehe, dass mir ein Arzt helfen kann. Vor ein paar Jahre hatte ich einen Leistenbruch, das war so ein Fall, und früher diverse Sportverletzungen und gelegentlich eine Zahnbehandlung. Mehr war da bislang nicht. Ich habe nicht einmal einen Hausarzt.

Zum Abschluss die vielleicht wichtigste Frage: Was soll jemand machen, wenn der Partner, ein Verwandter, ein Freund oder eine andere ihm nahestehende Person erzählt, wie toll Homöopathie gegen die Krankheit X oder das Gebrechen Y geholfen hat? Soll man darüber diskutieren? Wie? Den anderen versuchen vorsichtig aufzuklären, in dem man Ihm den Unterschied zwischen Koinzidenz und Kausalität oder wahlweise gleich Physik, Chemie und die Naturgesetze erklärt? Soll man ihn bestärken im „Globuli-schlucken“? Ist das ethisch überhaupt vertretbar? Bitte helfen Sie den Lesern mit einem guten Ratschlag, wie würden Sie reagieren?

Man sollte sich als erstes fragen, ob es das wert ist. Will man diese Freundschaft riskieren? Ich kann nur raten, behutsam zu sein. Wenn wirksame Therapien verhindert oder unterlassen werden, dann sollte man jedoch einschreiten. Hier sollte man anfangen zu erklären, was Homöopathie überhaupt ist. Im Prinzip kann man so argumentieren, wie wir es im letzten Kapitel unseres Buchs getan haben.

Sehr geehrter Herr Dr. Weymayr, herzlichen Dank für das ausführliche Interview.

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Die Homöopathie-Lüge: So gefährlich ist die Lehre von den weißen Kügelchen

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Die ersten zwei Teile des Interviews:

Interview mit Dr. Christian Weymayr, Autor des Buches „Die Homöopathie-Lüge“ (Teil 1)

Interview mit Dr. Christian Weymayr, Autor des Buches „Die Homöopathie-Lüge“ (Teil 2)

Hier geht’s zur Webseite des Autors

Homepage von Herrn Dr. Weymayr

Weiterführende Links

Buchrezension von Dr. Florian Freistetter

Buchrezension von Prof. Ulrich Berger


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