Diskussion über Weltanschauungen

Ich habe eine sehr nette email von Peter erhalten, in der es um die Frage der Weltanschauung geht. Wahrscheinlich unterscheiden sich unsere Weltanschauungen in einigen Punkten und daraus könnte sich eventuell eine, für alle Seiten, interessante Diskussion ergeben. Mit seiner Erlaubnis veröffentliche ich seine email und meine Antwort darauf.

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Sehr geehrte Herr Stephan Angene!

Mich hat diese Szene mit den Pillen nicht nur berührt, sondern auch weiter zum Nachdenken gebracht. Meine Schlussfolgerung war: Ich kann nicht nur die augenscheinliche “Realität” sehen und damit meinen, ich sei auf die Wahrheit gestoßen, sondern für mich stellt sich die Frage, was steckt dahinter.

Ich habe großen Respekt vor Menschen wie Ihnen, die sich Gedanken machen und einen rationalen Zugang zum Leben suchen, frei vom Hokuspokus und Aberglauben. Spannend ist aber, dass relativ wenig Menschen so einen Zugang wählen und durchhalten. Der starke Drang an etwas Unerklärliches und Mystisches zu glauben wird in der Esoterik, Homöopathie, etc. sichtbar. Astrologie, so absurd sie auch ist, wird von vielen Menschen beansprucht, um Sicherheit zu finden. Die Energetiker sind im Vormarsch. Irgendwie scheint der Satz doch zu stimmen: “Glaube, dem die Tür versagt, steigt als Aberglaub ins Fenster.” Mir kommt es so vor, dass wir schon eine starke irrationale Seite in uns haben.

Aber nochmal zurück zu den Pillen. Sie stehen ja dafür, nicht nur an der Oberfläche hängen zu bleiben, sondern die Wahrheit hinter den Dingen zu sehen. Ich begrüße den rationalen Zugang, denke aber, dass es Bereiche gibt, die nicht allein mit der Wissenschaft zu erfassen sind. Wenn ich mich als Philosoph oder Wissenschaftler frage, woher ich letztlich komme und wohin ich gehe, kann ich letztlich nur antworten: Ich weiß es nicht! Oder ist kann von dem ausgehen, was ich sehe und sagen: Wir kommen vom Nichts und gehen ins Nichts.

Für mich ist folgendes spannend: Obwohl wir immer mehr die Komplexität der Natur erfassen, umso mehr wir sie erforschen können, halten wir immer noch an der Vorstellung fest, dass dies alles Produkt des Zufalls ist.

Ehrlich gesagt, glaube ich nicht an den rationellen Menschen, sondern wir interpretieren ständig die Wirklichkeit, wie sie unseren Wünschen und Vorstellungen entspricht. Ein rein rationeller Zugang zu der sichtbaren Welt würde auch die hohe Komplexität nicht als Zufall postulieren, sondern auch eingestehen, dass dahinter ein Schöpfer stehen könnte. In unserer Erfahrungswelt hat alle hohe Komplexität in der Technik einen Planer und Konstrukteur, warum nicht auch in der lebenden Natur? Vielleicht ist irgendeine “rote Pille” nötig, um das zu erkennen. Ich würde sie als “Vertrauen zu Gott” bezeichnen.

Mit lieben Grüßen,
Peter

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Lieber Peter,

ich würde dir gerne das „Du“ anbieten, wenn es dich nicht stört. Falls doch, dann kannst du es mir gerne mitteilen und ich wechsle zum „Sie“.

Vielen Dank für die sehr freundliche email, ich versuche einmal auf die einzelnen Punkte einzugehen  und zu antworten. Ich hoffe, ich bin nicht zu direkt und hart mit dem, was ich schreibe, ich versuche nur meine Meinung zu erklären, damit man meine Position gut verstehen kann.

Wie ich es in meiner „Weltanschauung“ ja schon beschrieben habe, denke ich, dass es nur eine Realität und nur eine Wahrheit gibt.

Entweder eine Frau ist schwanger oder eben nicht. Entweder die Erde hat eine Kugelform, oder nicht. Entweder es gibt „Gott“ oder nicht. Entweder 2+3 = 87 oder nicht. Entweder es gibt tatsächlich Gespenster, Geister, Engel, Dämonen, die Teufelin, Sauron, Einhörner, Kobolde, ein Leben nach dem Tod, den Yeti, BigFoot, das Loch-Ness-Monster, Seelen, oder nicht.

Entweder Astrologie ist tatsächlich in der Lage die Zukunft vorherzusagen, oder nicht. Entweder Homöopathie heilt, wirkt und funktioniert, oder eben nicht.

Ich denke, die meisten Menschen teilen zumindest diese absolut grundlegende Ansicht, dass es nur eine Realität und nur eine Wahrheit gibt, wobei es natürlich auch hier schon teilweise Ausnahmen gibt. Aber wer diese Grundannahme nicht teilt, der muss schon erklären, warum er diese nicht teilt und wie er/sie denn dies sieht. Welche Argumente und Belege legen nahe, dass es mehrere Realitäten gibt und/oder mehrere Wahrheiten?

Die rote und die blaue Pille aus dem Film Matrix stehen nur für die Wahl, ob man sich für die Realität und Wahrheit interessiert und neugierig darauf ist, oder ob es einem egal ist.

Wählt man die rote Pille, dann ist es einem sehr wichtig in der Realität zu leben, die Wahrheit zu erkennen und man lehnt Lügen, (Selbst)Täuschungen, Illusionen, falsche Hoffnungen etc. ab und akzeptiert die Realität furchtlos so, wie sie ist.

Wählt man die blaue Pille, dann ist es einem egal, ob man sich falschen Hoffnungen, Wunschdenken und ähnlichem hingibt, weil man Angst vor der (harten und bösen) Realität und Wahrheit hat. Man wählt das eigene Wohlbefinden und leugnet oder ignoriert die Realität und akzeptiert, dass man in seiner eigenen Fantasie-Wünsch-dir-was-Welt lebt.

Also geht es, nach meiner Meinung, bei den Pillen nicht so sehr darum, ob man in einer „augenscheinlichen Realität“ oder einer „Illusion“ lebt (und auch nicht um das „Wie kann ich das eine von dem anderen unterscheiden“), sondern wirklich um die ganz grundsätzliche Entscheidung, ob es einem wichtig ist, in der Realität zu leben und man es nicht akzeptieren könnte, in einer Illusion zu leben.

Ich habe grundsätzlich Respekt vor jedem Menschen, egal ob dieser rational oder emotional durchs Leben geht. Ich denke nur, dass ein rationaler Zugang zum Leben wichtig ist, weil man nur damit Dinge und Zusammenhänge verstehen, analysieren, erklären und beschreiben kann. Das geht mit Emotionen nicht, zumindest nicht in diesem Sinn.

Was natürlich nicht heißt, dass ich keine Gefühle habe, ganz im Gegenteil. Aber ich kann vielleicht relativ gut einschätzen, wann ich meinem Verstand das Primat der Kontrolle und Entscheidung über meine Gefühle geben sollte.

Ich bin mir nicht sicher, ob wirklich so wenige Menschen einen rationalen Zugang zum Leben wählen und durchhalten. Das kommt darauf an, was man genau darunter versteht. Aber ich gebe dir Recht, dass hier sicherlich noch viel Verbesserungspotential vorhanden ist.

Ich sehe nicht viel, eigentlich keinen, Unterschied zwischen Aberglaube und Glaube. „Dass Glaube etwas ganz anderes sei als Aberglaube, ist unter allem Aberglauben der größte.“ (Zitat von Karlheinz Deschner)

Glaube bedeutet, etwas als Realität und wahr zu akzeptieren, ohne (gute) Argumente und Belege für die tatsächliche Wahrheit der Behauptung oder Annahme präsentieren zu können. Glaube ist keine Tugend oder irgendwie erstrebenswert, sondern im Gegenteil, ein Laster und die beste Methode sich vor der Wahrheit abzuschirmen.

Astrologie, Homöopathie und ähnliches sind alles esoterische Spielwiesen. Esoterik und Religion haben als Fundament den Glauben. Man hält dabei nicht nur Dinge für real und wahr, für deren tatsächliche Wahrheit es keine guten Argumente und Belege gibt, sondern man geht sogar noch einen Schritt weiter und hält sogar Dinge für wahr, obwohl es sehr viele gute Argumente und Belege dafür gibt, die Behauptung für falsch zu halten. Man ignoriert und verdrängt dies. „Ich glaube, weil es absurd ist!“, das ist der Wahlspruch des Glaubens.

In (fast) jeder Buchhandlung sind die Esoterikbücher direkt neben den Büchern über Religion(en) und nicht weit weg befinden sich die Bücher der Pseudomedizin („Alternativmedizin“) und der Pseudowissenschaften. Das halte ich für sehr konsequent. Ich finde es auch immer wieder lustig, wenn sich Esoteriker über die Dogmen, die Drohungen und Angstmacherei von organisierten Religionen beschweren, diese ablehnen und deshalb diese verlassen haben, aber Zuflucht in der Esoterik suchen. Umgekehrt beklagen sich religiöse Menschen über die Irrationalität des Aberglaubens, über Harry Potter und allgemein über die Esoterik und lehnen diese als Irrlehre ab. Warum finde ich das lustig? Weil beide Gruppen Recht haben, aber nicht erkennen, dass ihre eigene Wahl nicht besser ist, als das, was sie beklagen und ablehnen.

Jeder, der Glaube gut findet und praktiziert, hat sich für die blaue Pille entschieden.

Denn wenn man sich wirklich für die Realität und Wahrheit interessiert, dann muss man sich natürlich im zweiten Schritt überlegen, wie man ihr näher kommt, wie man Illusionen verringert oder sogar vermeidet.

Und hier kommen die Wissenschaften ins Spiel. Wenn man sich für die Wahrheit interessiert, dann muss man die Methode und den Prozess wählen, der am besten sicherstellt, dass man sich nicht irrt, dass man sich der Wahrheit tatsächlich annähert.

Du hast vielleicht Recht damit, dass auch die Wissenschaft nicht alles erklären kann. Das ist vielleicht oder sogar wahrscheinlich so. Aber wenn sogar die Wissenschaften die Realität und Wahrheit nicht immer erkennen oder erklären können, wie soll das dann eine Methode schaffen, die einfach irgendwas behauptet und als wahr annimmt, ohne es zu überprüfen, ob es wirklich wahr ist, ohne es rechtfertigen zu können, ohne irgendwelche guten Argumente und Belege dafür präsentieren zu können?

Hier passt ein Zitat von Albert Einstein sehr gut: „All unsere Wissenschaft ist, gemessen an der Wirklichkeit, primitiv und kindlich – und doch ist sie unser kostbarstes Gut.“

Esoterik, Religionen, Pseudomedizin und Pseudowissenschaften erfinden einfach irgendwelche Antworten auf Fragen, die wir stellen. Wenn man irgendwas erfindet, wie groß ist dann die Wahrscheinlichkeit oder Sicherheit, dass diese Antworten tatsächlich wahr sind?

Ich finde deine Antwort „Ich weiß es nicht!“ toll, ganz ehrlich. Zu sagen „Ich weiß es nicht!“ ist ehrlich und viel besser, als sich irgendeine Antwort aus den Fingern zu ziehen und irgendwas zu erfinden. Denn von dem Punkt  „Ich weiß es nicht!“ kann man weitermachen mit „Lass es uns versuchen herauszufinden!“.

Ich muss dir aber widersprechen, dass „wir“ davon ausgehen, dass alles ein Produkt des Zufalls ist. Zumindest die verschiedenen Lebensformen auf der Erde haben sich gerade nicht zufällig entwickelt, sondern sind durch den Prozess der natürlichen Selektion „geformt“ worden. Ein rationaler Zugang postuliert also auch nicht, dass die verschiedenen Lebensformen und die Komplexität durch Zufall entstanden sind, sondern durch die Evolution und natürliche Selektion. Es könnte also nicht nur ein Schöpfer dahinter stehen, sondern es steht tatsächlich „ein Schöpfer“ dahinter, nämlich die Evolution und natürliche Selektion. Aber es ist eben kein „persönlicher Schöpfer“ sondern ein Prozess, der keine Persönlichkeit in diesem Sinn darstellt. Das ist das Ergebnis, auf das man rational schließen sollte, wenn man sich die Argumente und Belege anschaut und analysiert.

Das „Vertrauen zu Gott“ ist nicht die rote Pille, sondern die blaue. Vertrauen zu oder auf Gott, ist nur ein Synonym für Glaube, für den „leap of faith“.

Trotzdem bin ich mir nicht sicher, wie deine Weltanschauung wirklich genau aussieht. Wie siehst du die Welt?

Liebe Grüße

Stephan


4 Kommentare

  1. damariszaiser

    20.04.2013
    Lieber Stefan,
    danke für deine Antwort. Ich stimme dir zu, dass sich oftmals der sogenannte Glaube von Aberglauben nicht unterscheidet. Man kann dies in abergläubischen Riten oder beim Besuch „heiliger Orten“ bei allen Religionen beobachten. Geschockt war ich als bei der Heiligsprechung des verstorbenen Papstes sein Blut in einer Glasröhre ausgestellt wurde. Es stimmt es gibt in Religionen vieles, was sich vom Aberglauben nicht unterscheidet.

    Ich möchte mich in meiner Stellungnahme auf den Punkt beziehen, an dem du von der Evolution als „unpersönlicher Schöpfer“ beziehst. Eigentlich klingt das auch ein wenig religiös. Du gehst also, wenn ich dich recht verstehe, davon aus, dass die leblose Materie aus sich selbst ohne Einwirkung einer Intelligenz von außen sich zu „etwas Lebendigen“ entwickelt hat. Ich bin hier der Ansicht, dass man dafür schon sehr viel Glauben benötigt und es auch keinen wissenschaftlichen Beweis gibt, dass dies so geschehen ist. Auch wenn Materie chemische Reaktionen bewirken kann, entsteht daraus noch nicht ein Lebewesen. Aber nehmen wir an, es sei so geschehen, dann kommt schon der nächste Stolperstein.

    Mir fallen da die Einzeller ein. Sie sind ja wohl in der Evolution ganz an den Anfang zu setzen.
    In Wikipedia habe ich erfahren, dass man sie auch in drei Gruppen einteilt: die Archaeen, Eurakyoten und die Bakterien. Damit diese Einzeller leben und sich vermehren können, gehe ich mal davon aus, dass sie 1. eine körperliche Struktur benötigen, die die einzelnen Funktionen zusammenhält und den Einzeller schützt. 2. ist vermutlich auch ein Stoffwechsel nötig, der es ermöglicht Energie aufzunehmen und 3. muss es irgendeine Form der Fortpflanzung geben. Wenn eines dieser drei Punkte fehlt, dann kann das Lebewesen nicht existieren. Es kann also aus meiner Sicht Leben nicht aus unbelebter Materie entstehen, weil alle drei Funktionen zugleich vorhanden sein müssen, um überleben und sich vermehren zu können. Ich denke, dass dies ein rationaler Hinweis dafür ist, an eine Intelligenz zu glauben, die das geschaffen hat. Ich hoffe, dass ich für dich jetzt doch mich ein wenig vom Hokuspokus und Aberglauben absetzen konnte.
    Mit lieben Grüßen,
    Peter

  2. Stephan

    Lieber Peter,

    vielleicht habe ich mich da etwas unglücklich und missverständlich ausgedrückt, als ich die Evolution als „unpersönlichen Schöpfer“ bezeichnet habe. Denn die Bezeichnung „unpersönlicher Schöpfer“ ist ja ein Widerspruch in sich, da „ein Schöpfer“ immer persönlich ist.
    Ich habe letztendlich sagen wollen, dass die „natürliche Selektion“ (innerhalb der Evolution) der Grund dafür ist, warum sich höhere und komplexere Lebensformen entwickelt haben. Die natürliche Selektion ist also nicht der Schöpfer, sondern einfach nur der Grund oder die Ursache, warum sich höhere und komplexere Lebensformen entwickelt haben. Man braucht keinen „übernatürlichen Schöpfer“ als Ursache für die Lebensformen postulieren, weil man es auch so erklären kann, mit natürlichen Prozessen.

    „Du gehst also, wenn ich dich recht verstehe, davon aus, dass die leblose Materie aus sich selbst ohne Einwirkung einer Intelligenz von außen sich zu „etwas Lebendigen“ entwickelt hat.“

    Korrekt! Es gibt keinerlei Belege dafür, dass es eine Lebenkraft (vis vitalis) gibt, die irgendwie notwendig sei, dass Leben entstehen kann. Das ist das alte Konzept des Vitalismus (http://de.wikipedia.org/wiki/Vitalismus ).

    Man hat auch keine Lebenskraft gefunden, die „lebendige“ Materie von „toter“ Materie unterscheidet! In dieser Hinsicht ist ein toter Stein nichts anderes als ein lebendiges Eichhörnchen.
    Aber natürlich unterscheidet sich ein Eichhörnchen dadurch von einem Stein, dass es lebt. Was man unter „Leben“ versteht und wie man das definieren kann, kannst du hier nachlesen: http://de.wikipedia.org/wiki/Leben
    Viren z.B. befinden sich an der Grenze zum Leben. Manche bezeichnen Viren nicht als lebendig, manche schon. Das ist einfach eine Definitionsfrage.

    Leben bedeutet einfach, dass bestimmte chemische Vorgänge ablaufen und man bestimmte Dinge macht, die ein lebendes „Ding“ (Hund) von einem toten „Ding“ (Stein) unterscheiden. Da gibt es keine mytische, mystische, geheimnisvolle, unsichtbare Kraft oder irgendwas neues, was ein totes Ding von einem lebenden Ding unterscheidet.

    „Auch wenn Materie chemische Reaktionen bewirken kann, entsteht daraus noch nicht ein Lebewesen.“

    Aber selbstverständlich! ;-) Genau so entsteht Leben. Ich denke, dir ist nicht wirklich klar, was „Leben“ ist oder bedeutet. Das Wort „Leben“ ist nur ein Begriff, ein Name, den wir auf eine bestimmte Art definieren. Es gibt Grenzfälle von Leben. Als „Leben“ bezeichnen und definieren wir Systeme, die bestimmte Fähigkeiten besitzen und bei denen bestimmte chemische Vorgänge ablaufen. Wir definieren das einfach so.
    Wir nennen also Materie, die sich auf eine bestimmte Art verhält, Leben. Materie die sich nicht so verhält, nennen wir nicht Leben. Das ist wirklich alles.

    „Ich bin hier der Ansicht, dass man dafür schon sehr viel Glauben benötigt und es auch keinen wissenschaftlichen Beweis gibt, dass dies so geschehen ist.“

    Nein, ich brauche keinen „Glauben“ dafür, dass sich „leblose Materie“ zu „etwas Lebendigem“ entwickelt hat. Du baust da Hindernisse in deinem Denken auf, die es gar nicht gibt. Ich will es so formulieren, vielleicht erkennt man es dann besser:
    Ich denke, dass sich leblose Materie zu lebendiger Materie entwickelt hat (ohne einen persönlichen Schöpfer). Es hat sich also nur ein Adjektiv geändert, nämlich „leblos“ -> „lebendig“. Und genau das habe ich oben versucht zu erklären, wann etwas lebendig ist, ist eine willkürliche Definition von uns in unserem Denken. Das ist nicht etwas, was es in der Realität gibt, irgendeine hinzugekommene Qualität, die leblose Materie von lebendiger Materie unterscheidet.
    Leblose Materie ist in diesem Sinn das gleiche wie lebendige Materie, nur dass für uns das lebendige System aus Materie herumlaufen kann, einen Stoffwechsel hat, sich fortpflanzt etc…

    Du hast Recht, es ist noch nicht endgültig wissenschaftlich geklärt, wie genau aus anorganischen Molekülen organische Moleküle entstanden sind, aber es gibt Hypothesen dazu. Die Entstehung des Lebens auf der Erde gehört aber nicht nur Evolutionstheorie, sondern nennt sich Abiogenese bzw. chemische Evolution: http://de.wikipedia.org/wiki/Chemische_Evolution
    Aber dennoch braucht man daran nicht „glauben“, sondern das sind vernünftige Annahmen, die immer noch um Größenordnungen wahrscheinlicher sind als zu behaupten, dass ein Zauberer seinen Zauberstab geschwungen hat und dadurch alles entstanden ist.

    „Es kann also aus meiner Sicht Leben nicht aus unbelebter Materie entstehen, weil alle drei Funktionen zugleich vorhanden sein müssen, um überleben und sich vermehren zu können.“

    Wie schon gesagt, das Label „Leben“ kleben wir der Materie auf. Es gibt nichts anderes als Materie, die sich irgendwie verhält, wie man es mit physikalischen und chemischen „Gesetzen“ beschreiben kann. Materie ist Materie. Die Adjektive „unbelebt“ und „belebt“ sind einfach Definitionen von uns. Es gibt keine prinzipiellen Gründe, warum sich anorganische Moleküle nicht zu Organische Moleküle „formen“ können.
    Und es ist auch nicht so, dass alle drei Funktionen gleichzeitig erfüllt sein müssen.
    Es kann sein, dass sich z.B. Aminosäuren „einfach so“ bilden, weil sie eventuell einen energetisch stabileren Zustand darstellt oder ähnliches. Und vielleicht bildet sich daraus eine RNA. Und so weiter…Da muss kein Stoffwechsel vorhanden sein und auch keine „Fortpflanzung“, wie wir sie heute nennen würden. Es reicht, dass irgendein Molekül energetisch stabiler ist…dadurch bilden sich immer mehr davon…also quasi wie Fortpflanzung, aber ohne Sex oder ähnliches. Das nennt sich einfach chemisches Gleichgewicht.
    Es gibt keinen scharfen Übergang von Nicht-Leben zu Leben. Das ist teilweise eine Grauzone, genau wie man es erwartet, wenn man einfach ein Wort definiert mit vielen Zuschreibungen, wovon einige erfüllt sein können, aber andere nicht.

    „Ich denke, dass dies ein rationaler Hinweis dafür ist, an eine Intelligenz zu glauben, die das geschaffen hat. “

    Ich denke, dass dies eine sehr gewagte These ist, bzw. ich bin anderer Ansicht. Es ist nicht rational, an „eine Intelligenz“ und an „einen Schöpfer“ zu „glauben“, wenn es viel simplere und elegantere und vor allem natürliche Erklärungsmöglichkeiten gibt, die immer wahrscheinlicher sind, als eine übernatürliche Ad-hoc-Hypothese („god did it!“).

    „Ich hoffe, dass ich für dich jetzt doch mich ein wenig vom Hokuspokus und Aberglauben absetzen konnte.“

    Du musst dich für mich von gar nichts absetzen oder „lossagen“. Du kannst denken und glauben was du willst, ich versuche hier nur meine Ansicht klar zu machen und das kann ich am besten, wenn ich zu deiner Position etwas sage. Ich denke auch nicht, dass du besonders abergläubisch bist, weil du ja ziemlich negativ über Esoterik, Astrologie etc. geredet hast, oder?

    Mich würde interessieren, was du glaubst? Würdest du dich als Christ bezeichnen? Als Katholik? Oder etwas anderes?
    Denkst du, dass die Evolutionstheorie wahr oder falsch ist?

    Viele Grüße
    Stephan

    • damariszaiser

      Lieber Stefan, es überrascht mich ein wenig, dass du die unbelebte und belebte Natur so sehr verbindest, aber du ziehst deine Weltanschauung konsequent durch. Habe gerade einen Artikel in Science.orf.at gelesen über die DNA und ihre Entdeckung. Dabei steht folgender Text:

      Bauplan des Lebens:

      EIN GEN besteht aus einer langen Reihe von vier verschiedenen Bausteinen mit den Basen Adenin (A), Thymin (T), Guanin (G) und Cytosin (C). Für Genetiker beginnt ein Gen etwa folgendermaßen ATCCGCGTACTTTAGG… Gene sind Baupläne für verschiedene Eiweiße (Proteine), die Werkzeuge und Bausteine des Körpers. Ist ein Gen angeschaltet, dann erhalten die Eiweißfabriken der Zelle (Ribosomen) eine Abschrift davon und produzieren mit diesen Informationen eine entsprechende Kette aus Aminosäuren, die sich zu einem Protein faltet.
      DIE CHROMOSOMEN enthalten die langen Erbgutfäden und viele Struktur-Eiweißstücke. Auf diesen Trägern sind die Erbgutfäden aufgewickelt. Die Erbgutfäden – die sogenannten DNA-Stränge (englisch: Deoxyribonucleic acid, deutsch: Desoxyribonukleinsäure, DNS) – bestehen nur zu einem Teil aus Genen.
      Als GENOM wird die Gesamtheit der Erbinformation bezeichnet. Mehr als 99 Prozent der Erbinformationen sind bei allen Menschen gleich.
      DIE PROTEINE spielen die Hauptrolle im Stoffwechsel des Körpers. Sie zerlegen als Verdauungsenzyme die Nahrung in ihre Einzelteile, helfen beim Aufbau von Knochensubstanz und Fettpolstern oder verwandeln sich wie im Muskel selbst zu einem Teil des Körpers.
      In JEDER KÖRPERZELLE besitzt der Mensch eine Vielzahl von Genen. Aus einer winzigen befruchteten Eizelle kann sich nur deshalb ein Mensch mit all seinen verschiedenen Organen entwickeln, weil die einzelnen Gene jeweils zu bestimmten Zeiten und in bestimmten Organen angeschaltet sind und die Zelle nur dann die entsprechenden Proteine produziert. So besitzt zwar auch jede Fingerzelle Gene für die Augenfarbe des Menschen, sie sind dort jedoch nicht aktiv. Generell sind die meisten
      Gene die meiste Zeit abgeschaltet.

      Wenn man sich das durchliest hat man schon andere Gedanken. Wer hat diese DNA so programmiert, dass sie sich zum rechten Zeitpunkt einschalten und ausschalten? War es die Materie selber? Kann sie das? Muss nicht die Information an der “Materie” wirken, damit sie sich in Bewegung setzt. In deinem Konzept ist aus der Materie die Info entstanden.

      Noch zwei Gedankenanstöße dazu:
      Jede biologische Organisationsebene weist sogenannte „emergente“ Eigenschaften auf (findet man in jedem Biologie Lehrbuch): Damit meint man, dass bei jeder höheren Organisationsebene neue Eigenschaften auftreten, die auf der einfacheren Organisationsebene noch nicht vorhanden waren (z.B. ein Proteinmolekül hat Merkmale, die keines der Atome, aus der es aufgebaut ist, aufweist; eine Zelle ist mehr als die Summe seiner Moleküle; ein Organismus ist ein lebendiges Ganzes, das die Summe der Fähigkeiten der einzelnen Organe bei weitem übersteigt; d.h. die nächst höhere Organisationsebene ist immer mehr als die Summe der Einzelteile der einfacheren Organisationsebene darunter). Entscheidend ist dabei: Jede Organisationsebene wird von der nächsthöheren kontrolliert und nicht umgekehrt. Die Gesetze einer höheren Stufe können nicht von den Gesetzen einer niedrigeren Stufe abgeleitet werden.
      Prinzipielle Schlussfolgerung: Ein „naturalistischer“ Reduktionismus d.h. das Leben (einschließlich des menschlichen Verhaltens) auf Basis der Materie oder auf Basis der Physik/Chemie erklären zu wollen bzw. auf die Physik/Chemie bzw. Materie zu reduzieren, greift letztendlich immer zu kurz.

      Die Kluft zwischen der unbelebten Natur (Kristall, Schneeflocke) und belebten Natur (lebende Zelle), ist wohl die größte Diskontinuität in der Natur. Sämtliche Erklärungsansätze in Sachen „Chemische Evolution“ oder „präbiotische Chemie“ scheitern an dieser Barriere. Denn eine lebende Zelle ist nicht einfach nur Materie, sondern Materie vollgepackt mit Information (DNA) bzw. eine „informationsverarbeitende Maschine“. Die Eigenschaften, die das Leben ausmachen, wie z.B. Ordnung, Fortpflanzung, Wachstum und Entwicklung, Energienutzung, Reaktion auf die Umwelt, Homöostase (Regulationsmechanismen des inneren Milieus eines Organismus) etc. basieren auf dieser Information oder „Software“ DNA. Die entscheidende Frage ist demzufolge: Da Information per se nicht materiell ist, die DNA demnach nur Träger der Information ist: „Wo liegt der Ursprung dieser Information?“ Diese Frage bedarf einer Erklärung.
      Einen lieben Gruß!
      Peter

  3. Stephan

    Lieber Peter,

    vielen Dank für deine Gedankenanstöße. Ich habe ein paar Fragen an dich und wegen einer besseren Übersichtlichkeit und Klarheit nummeriere ich sie mal:

    1.) Ich sage noch was zu diesen Ideen und deiner Frage „Wo liegt der Ursprung dieser Information?“, aber nehmen wir einmal an, dass ich keine Ahnung habe, keinerlei Idee und keine Antwort auf diese Frage. Was würdest du daraus, dass ich keine Antwort auf deine Frage habe, für eine Schlussfolgerung ziehen?

    2.) Leider weiß ich immer noch nicht, was du glaubst. Hast du Theologie studiert? Würdest du dich als Christ bezeichnen, falls ja, als welcher genau?

    3.) Du sagst, dass du Rationalität gut und positiv findest, jedenfalls würde ich das so aus deiner ersten email herauslesen. Ist das richtig, kann man das so sagen? Denkst du, dass man zu Religion(en) einen rationalen Zugang gewinnen kann? Kann man Religion(en) rational rechtfertigen und deren Inhalte rational erklären und verteidigen?

    4.) Denkst du dass die Evolutionstheorie wahr oder falsch ist? Gab es eine Entwicklung von weniger komplexen Lebewesen zu komplexeren oder nicht?

    5.) Nehmen wir einmal an, dass die Evolutionstheorie falsch ist. Welche Erklärung gibt es dann für das Leben auf der Erde?

    6.) Was ist für dich „Glaube“? Was ist für dich „Aberglaube“? Wie würdest du diese beiden Begriffe erklären und definieren?

    Viele Grüße
    Stephan

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