„Man muss halt einfach daran glauben!“

Diese Aussage „Man muss halt einfach daran glauben!“ habe ich schon oft gehört, und zwar bei verschiedenen Themen.

Dabei ging es z.B. um Diskussionen über Religion(en), über Gott (was das sein soll) und ob er existiert oder nicht, über Pseudomedizin (Alternativmedizin) und ob z.B. Homöopathie wirkt und heilt oder nicht und ähnliches.

Das Bemerkenswerte dabei ist, dass dieser Satz immer am Ende kam. Man hat 30 min, 2 oder 4 Stunden diskutiert, die verschiedenen Meinungen ausgetauscht und sich z.B. Gedanken darüber gemacht, welche Argumente und Belege für und gegen die Existenz Gottes oder für und gegen eine Wirksamkeit von Homöopathie sprechen.

Der Gesprächsteilnehmer, dessen Ansicht war, dass es Gott gibt oder dass Homöopathie wirkt, war es am Ende immer, der gesagt hat: „Na ja, mag schon sein, dass es keine guten Argumente für Gottes Existenz gibt oder die Wirksamkeit von Homöopathie, aber man muss halt einfach daran glauben!“.

Einige Dinge finde ich bei einer solchen Aussage äußerst interessant:

1.)    Wenn man einfach nur daran glauben muss oder kann, warum hat man sich dann vorher 2 Stunden lang die Mühe gemacht, rational zu überlegen, welche Argumente und Belege für oder gegen etwas sprechen? Ganz ernsthaft, wenn man überhaupt nicht daran interessiert ist, welche Argumente und Belege für oder gegen eine Behauptung sprechen, warum sollte man seine Zeit mit einer Diskussion verschwenden?

2.)    „Glauben“ bedeutet, etwas für wahr zu halten, ohne gute Argumente oder Belege dafür zu haben oder präsentieren zu können. Man hält also etwas für wahr, was man nicht rechtfertigen kann, weder vor sich selbst, noch vor anderen. Man „glaubt“ einfach irgendetwas und interessiert sich nicht dafür, ob es wahr oder falsch ist, ob es real oder Fantasie, ob es tatsächlich so ist oder Wunschdenken.

3.)    Eine (gute und echte) Diskussion ist im Kern rational, d.h. man tauscht seine Ansichten aus und rechtfertigt und erklärt sie mit Hilfe von Argumenten und Belegen und dabei benutzt man seine Vernunft und seinen Verstand. „Glauben“ an irgendwas hat per Definition nichts in einer Diskussion zu suchen, weil man damit nichts erklären, rechtfertigen oder belegen kann. „Glauben“ ist per Definition irrational. Es ist einfach nicht vernünftig, an Einhörner, Kobolde, den Yeti oder das Ungeheuer von Loch Ness zu „glauben“, wenn nichts dafür spricht, dass irgendeines dieser Dinge existiert.

4.)    Warum bringt man überhaupt so eine Aussage in einer Diskussion? Was will man damit sagen? Ich denke, dass diese Aussage die ultimative Kapitulationserklärung ist. Der Diskussionspartner hat aufgegeben, er erkennt im Prinzip, dass es für die Ansicht „Gott existiert“ keine guten Argumente oder gar Belege gibt. Aber statt diese (seine) Ansicht aufzugeben und zu ändern, flüchtet er sich zum letzten Strohhalm, den er irgendwie greifen kann, zum „Glauben“. Warum macht er das? Damit er seine Ansicht behalten kann und diese nicht aufgeben muss. Dafür ist er bereit, jedes Lügenmärchen und sogar „den Glauben“ zu akzeptieren.

5.)    Damit „der Glaube“ nicht als das erkannt wird, was er wirklich ist, nämlich eine heruntergelassene Hose, das Schwenken einer weißen Flagge, die absolute Kapitulation, muss eine letzte wichtige Illusion installiert werden. Es heißt dann, dass „Glaube“ eine Tugend ist, das Höchste, Beste und Erhabenste, zu dem Menschen überhaupt nur fähig sind. Aber der „Glaube“ ist nichts Gutes oder Erhabenes, ganz im Gegenteil. „Glaube“ ist eines der gefährlichsten Dinge, die es gibt. Wenn man etwas für wahr hält, ohne ausreichend gute Argumente und Belege dafür zu haben, dann irrt man sich vielleicht (oder sogar höchstwahrscheinlich) und trifft falsche Entscheidungen und begeht eventuell fatale Handlungen. Wenn man wirklich „glaubt“, dass man wie ein Vogel fliegen kann (obwohl nichts dafür und vieles dagegen spricht), und deshalb aus einem Fenster im 25.ten Stock springt, dann wird man höchstwahrscheinlich sterben. Das gleiche gilt, wenn man „glaubt“, dass Homöopathie gegen die eigene Krebserkrankung hilft. Oder wenn man wirklich ganz fest daran „glaubt“, dass man im Lotto gewonnen hat und entsprechend riesige Geldsummen ausgibt, obwohl man ein armer Schlucker ist. Oder wenn man wirklich „glaubt“, dass es gut ist, Ungläubige und Andersdenkende zu töten, weil man dann im Paradies mit 72 Jungfrauen von Gott belohnt wird, dann fliegt man vielleicht Flugzeuge in Hochhäuser.

Es bleibt festzuhalten, dass „Glaube“ keinen Platz als Argument in Diskussionen hat, weil „glauben“ zutiefst irrational ist und absolut gar nichts erklären kann. Ebenfalls möchte ich feststellen, dass Glaube keine Tugend, sondern ein schlimmes Laster ist. Glaube ist die letzte Ausrede, die letzte Fluchtstätte, bei der man Zuflucht sucht, wenn man seine eigene Ansicht nicht ändern will, obwohl die Argumente und Belege dazu anhalten würden.

Ehrlich, man muss im Leben überhaupt gar nichts „blind glauben“. Man kann versuchen Dinge zu verstehen, nach Erklärungen fragen, reflektieren und Argumente und Belege analysieren. Das einzige, was man dafür braucht, ist ein wenig Neugier.

Eine Sache, Behauptung oder Hypothese, an deren Wahrheit man nur „blind glauben“ könne, muss man sofort als äußerst zweifelhaft einstufen bzw. die Forderung, diese einfach zu „glauben“, ist strikt abzulehnen.

Es wäre viel gewonnen, wenn jedem klar werden würde, dass man sich für rationale Diskussionen, Handlungen und Entscheidungen sofort disqualifiziert hat, wenn man sagt, dass man „eben nur daran glauben könne“.


4 Kommentare

  1. Siegesritter

    Guten Morgen,

    du hast, wie wohl vermeidlich jeder sehr rationell denkende Mensch, mit dem was du sagst völlig recht.
    Wenn du jedoch darauf achtest, dass du eine Gegenposition bildest, dann siehst du an dir, dass dieser Satz —du musst einfach dran glauben—- scheinbar eine Wirkung auf dich hat. In dem Fall die, dass du ihn in einem Kontext ablehnst. Die Gründe, die du hierfür auflistest sind sicherlich analytisch betrachtet richtig, du unterschätzt hierbei jedoch, dass es in einer Diskussion mit Menschen um Menschen auch um deren sujektive und eigene weltanschaulichen Bilder geht. Worte spiegeln ob nun bewusst oder unbewusst im Reden den Menschen wieder. Das heißt also, dass jemand der sagt —das muss man so glauben— vermutlich jemand ist, der sich sehr stark an diesem Wort orientiert und es für sich nutzbar macht, sei es in welcher Form auch immer. Für dich in der objektiven Betrachtung ist der Kontext der hiermit im Zusammenhang steht wichtig, hierzu gehört aber auch die Person, das umschreibt auch wer sie ist, wo sie steht und was sie ausmacht. Ein Mensch spiegelt sich im Gespräch immer wieder und vieles von dem, was durchkommt, ist sicherlich nicht Themenorientiert. Wenn die Person zum Ende diesen Satz äußert bedeutet es für diese Person, dass sie sich die Frage in dieser Form beantwortet hat —ich muss einfach dran glauben—-.

    Für jemand, der geistreich ist, sollte man anschließen:
    ,,Glauben ist gut aber Gott will sicherlich, dass wir auch verstehen was wir da tun!” :)

  2. Stephan

    „du hast, wie wohl vermeidlich jeder sehr rationell denkende Mensch, mit dem was du sagst völlig recht.“

    Freut mich, dass du das so siehst.

    „Wenn du jedoch darauf achtest, dass du eine Gegenposition bildest, dann siehst du an dir, dass dieser Satz —du musst einfach dran glauben—- scheinbar eine Wirkung auf dich hat. In dem Fall die, dass du ihn in einem Kontext ablehnst. Die Gründe, die du hierfür auflistest sind sicherlich analytisch betrachtet richtig, du unterschätzt hierbei jedoch, dass es in einer Diskussion mit Menschen um Menschen auch um deren subjektive und eigene weltanschaulichen Bilder geht.“

    Das ist mir klar. Nur Subjektivität ist keine geeignete Grundlage, die Welt oder irgendwas zu verstehen, zu erklären oder zu begründen.
    Und gerade darum geht ja dieser Artikel, dass ich Subjektivität und eine solch kindliche und kindische „Nicht-Begründung“ „Man muss halt dran glauben!“ ablehne, weil das gefährlich ist, wenn jemand so denkt, egal warum er so denkt.

    „Das heißt also, dass jemand der sagt —das muss man so glauben— vermutlich jemand ist, der sich sehr stark an diesem Wort orientiert und es für sich nutzbar macht, sei es in welcher Form auch immer.“

    Du verlierst mich hier ein wenig, ich kann dir immer weniger folgen. Es mag ja sein, dass sich diese Person an diesem Ausspruch „Man muss halt dran glauben!“ orientiert und ich versuche zu erklären, warum es schlecht und falsch ist, sich an sowas zu orientieren.

    „Für dich in der objektiven Betrachtung ist der Kontext der hiermit im Zusammenhang steht wichtig, hierzu gehört aber auch die Person, das umschreibt auch wer sie ist, wo sie steht und was sie ausmacht. Ein Mensch spiegelt sich im Gespräch immer wieder und vieles von dem, was durchkommt, ist sicherlich nicht Themenorientiert.“

    Du verlierst mich immer mehr und ich kann immer schwerer folgen, was du eigentlich meinst bzw. zu sagen versuchst.

    Du meinst, dass sich eine Person mit dem Ausspruch „Man muss halt dran glauben!“ selbst umschreibt? Na ja, vielleicht in der Hinsicht, dass diese Person nie wirklich darüber nachgedacht hat, was dieser Satz wirklich bedeutet und welcher Wahnsinn es ist, ihm zu folgen. Deshalb habe ich ja diesen Artikel geschrieben, um darauf aufmerksam zu machen.

    „Wenn die Person zum Ende diesen Satz äußert bedeutet es für diese Person, dass sie sich die Frage in dieser Form beantwortet hat —ich muss einfach dran glauben—-“

    Das ist ja das Schlimme und Schreckliche daran! Wer diesen Satz sagt und wirklich danach verfährt, der irrt im Dunkeln umher. Diese Person sucht dann nicht mehr nach einer wirklichen, echten und wahren Antwort, sondern ist zufrieden mit „Ich muss einfach dran glauben!“.

    Das genau ist ja das Problem.

    “Für jemand, der geistreich ist, sollte man anschließen:
    ,,Glauben ist gut aber Gott will sicherlich, dass wir auch verstehen was wir da tun!”

    Hä? Hast du den Artikel überhaupt gelesen? „Glauben“ ist nicht GUT! „Glauben“ ist das dümmste, gefährlichste und schrecklichste, was man machen kann. Ich habe in dem Artikel erklärt, warum ich das so sehe.

    Das ist nicht „geistreich“, sondern der pure und blanke Wahnsinn!
    Ist das irgendwie unklar gewesen?

    Und nebenbei, was oder wer ist „Gott“?

  3. Siegesritter

    wenn jemand an die Genesung seines kranken Kindes glaubt…glaubt, weil die Ärzte nicht wirklich wissen, was nun wirklich die Chemo noch gut machen kann an dem Krankheitsbild, was ist daran schlecht?

    Man kann nicht nur in eine Richtung definieren und in den absolut schlimmsten Teil abstellen.

    Verstehe warum du das schreibst und was du denkst, aber ich glaube, du liegst damit genauso falsch, wie ich damit falsch liege, dass es anders sein könnte.

    Hoffe du bekommst es mal geklärt, das Problem, was du mit dem Wort -Glauben- in dir trägst. Du urteilst es ab, nur weil es missbraucht wird in einem Kontext, wo ein Mensch die Antwort offen lassen will mit einer spirituellen Wahrheit abschließenden Aussage, an die er vermeitlich noch nicht mal selber glaubt.

    Finde mal beide Zugänge den Guten und den Schlechten zum Glaubenswort – dann können wir konstruktiv diskutieren.

  4. Stephan

    „wenn jemand an die Genesung seines kranken Kindes glaubt…glaubt, weil die Ärzte nicht wirklich wissen, was nun wirklich die Chemo noch gut machen kann an dem Krankheitsbild, was ist daran schlecht?“

    Du hast nicht verstanden, was ich meine. Du legst das Wort „glauben“ als „hoffen auf“ oder „vertrauen auf“ aus.
    Die Eltern in deinem Beispiel hoffen darauf, dass ihr Kind wieder gesund wird.

    Ich verstehe unter „glauben“ ein „für wahr halten“ von einer Behauptung ohne gute Argumente oder Belege dafür zu haben, dass die Behauptung wirklich wahr ist.
    Dein Beispiel passt da überhaupt nicht dazu.

    Ein besseres Beispiel wäre es, wenn du „glauben“ würdest, dass die Erde eine Scheibe ist oder sich die Sonne um die Erde dreht. Das wäre „glauben“, weil du diese Behauptung für wahr hältst. Oder dass du an die tatsächliche Existenz von Einhörnern, Kobolden, Engeln oder „Gott“ „glaubst“. Auch das wäre ein „für wahr halten“.

    „Verstehe warum du das schreibst und was du denkst, aber ich glaube, du liegst damit genauso falsch, wie ich damit falsch liege, dass es anders sein könnte.“

    Ich denke nicht, dass du mich verstanden hast oder verstehst. Und du widersprichst dir in diesem Satz irgendwie selbst.

    „Du urteilst es ab, nur weil es missbraucht wird in einem Kontext […]“

    Natürlich bewerte ich „glauben“ als negativ und ich habe genau erklärt, warum ich das tue. Was genau hast du an der Erklärung nicht verstanden?
    Einfach zu „glauben“ ist immer negativ, das stellt keinen „Missbrauch in irgendeinem Kontext“ dar.

    „[…] wo ein Mensch die Antwort offen lassen will mit einer spirituellen Wahrheit abschließenden Aussage, an die er vermeitlich noch nicht mal selber glaubt.“

    Wenn ein Mensch sagt, dass er „glaubt, dass die Sonne sich um die Erde dreht“, dann lässt er die Antwort ja gerade NICHT offen, sondern er hält es für wahr, dass es so ist.
    Was soll bitte eine „spirituelle Wahrheit“ sein?

    Und warum soll der Mensch „vermeintlich nicht mal selbst an seine Aussage glauben“?

    „Finde mal beide Zugänge den Guten und den Schlechten zum Glaubenswort – dann können wir konstruktiv diskutieren.“

    „Glaube“ ist keine Tugend, sondern ein schreckliches Laster. Ich habe ausführlich erklärt, warum ich das so sehe und du gibst mir eigentlich sogar Recht, aber willst es trotzdem nicht wirklich zugeben.
    Da gibt es nichts Gutes zu finden. Und ich muss da auch nichts Gutes finden, um trotzdem konstruktiv darüber diskutieren zu können. Du scheinst meine Argumente und Einwände nur irgendwie zu ignorieren und willst nicht mehr darüber diskutieren.

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