50 populäre Dinge, die Menschen für wahr halten (Teil 1)

Wem noch nicht ganz klar ist, was Skeptizismus ist, wozu er gut ist und wie Skeptiker denken, der sollte unbedingt diesen Artikel lesen und dieses Buch kaufen.

Vielleicht hat es sich schon herumgesprochen, dass ich die Bücher von Guy P. Harrison sehr gut finde. Hier möchte ich, in drei Teilen, ein Buch von Ihm empfehlen, dass man gelesen haben sollte, sofern man englisch kann. Leider wurde es noch nicht ins Deutsche übersetzt.

Es geht um das Buch „50 Popular Beliefs That People Think Are True“ oder „50 weit verbreitete Dinge, die Leute für wahr halten“.

Dieses Buch erklärt wunderschön, anhand von 50 Beispielen, warum man kritisch denken und skeptisch sein sollte und wie das funktioniert.

Hier im ersten Teil kommt nun Dr. Phil Plait, der das Vorwort zu diesem Buch geschrieben hat, zu Wort (Hervorhebungen von mir):

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 Dr. Phil Plait

Niemand wird als Skeptiker geboren.

Kinder sind allerdings geborene Wissenschaftler. Sie lieben es Wissen aufzusaugen, zu entdecken, zu experimentieren und Dinge zu benennen (Ich kann mich noch daran erinnern, wie meine kleine Tochter, vor all den Jahren, mich gefragt hat, alle Sterne am Himmel zu benennen, einen nach dem anderen).

Aber ich denke, dass nicht alles davon wirklich Wissenschaft ist. Erinnern und kategorisieren sind wichtig und die Basis dafür, um Zusammenhänge zwischen Objekten verstehen zu können, dennoch sind sie keine Wissenschaft.

Die hauptsächliche Eigenschaft, die Wissenschaft zu Wissenschaft macht, ist die, dass sie sich selbst prüft. Du triffst nicht nur einfach so eine Annahme: du prüft sie. Wenn du merkst, dass sie auch das nächste Mal funktioniert, dann benutzt du sie. Aber du nimmst deshalb nicht an, dass sie immer funktionieren wird.

Und die allerwichtigste Sache, also der eine Aspekt der Wissenschaft von allen anderen Methoden des Erkenntnisgewinns auszeichnet, ist der, dass Wissenschaft nicht loyal ist.

Du kannst dich Jahre- und Jahrzehntelang auf eine Idee verlassen, aber wenn jemand daherkommt und sie widerlegt: BUMM, wird sie wie muffiger Käse weggeschmissen.

Na ja, nicht immer. Die andere Seite der Wissenschaft ist die, dass sie auf vorher erworbenes Wissen aufbaut. Wenn du merkst, dass etwas ziemlich gut funktioniert und dann kommt etwas daher, dass noch besser funktioniert, dann stellst du oft fest, dass die zweite Sache nur eine Abwandlung der ersten ist.

Einstein hat Newton nicht in die Mülltonne befördert: die Relativitätstheorie hat Newtons Mechanik verbessert, und funktioniert einfach besser, wenn Objekte sich annährend mit Lichtgeschwindigkeit bewegen oder sich an Orten mit starker Gravitation befinden.

Es war die Anhäufung von Wissen und Fakten, die Newtons Ideen verändert hat.

Und es war schwer erkämpft mit Experimenten, die über Jahrhunderte genutztem Wissen widersprochen haben.

Aber dieses Wissen, wenn es richtig ist, baut sich mit der Zeit auf. Es sollte so funktionieren wie ein Wandteppich. Und das tut es.

Dennoch ist es schwer eine Idee loszulassen, sogar wenn du weißt, dass sie falsch ist. Manchmal ist die Idee eigensinnig (oder deren Inhaber ist es). Manchmal ist es beruhigend, eine warme und flauschige Idee zu haben. Ich wette, das ist die meiste Zeit so, obwohl es nur der pure Stolz ist. Wir identifizieren uns mit den Ideen, die wir haben und wenn diese Ideen falsch sind, dann bedeutet das, dass ein Teil von uns falsch ist. Das ist ein schwieriges Problem, mit dem man sich auseinandersetzen muss.

Und das ist der Grund dafür, warum Kinder von Natur aus geborene Wissenschaftler sind, aber schreckliche Skeptiker. Aber das ist ok; manchmal müssen Kinder einfach Dinge machen „weil ich es so gesagt habe“, und man will nicht, dass sie einen ständig hinterfragen. Ein echtes Problem entsteht, wenn sie heranwachsen und nicht von dieser Eigenschaft loslassen.

Wir alle tun es. Glauben ist einfach. Skeptisch sein ist schwer. Es ist die wenig befahrende, in den Felsen gehauene Straße, die schwierig zu meistern ist.

Dort sind überall Fallen, furchterregende dunkle Orte, und Dinge, die so viel einfacher wären, wenn man einfach die Augen schließt und sie weg-wünscht.

Aber die Realität, wie es der Schriftsteller Philip K. Dick sagt, ist das, was nicht verschwindet, wenn wir aufhören daran zu glauben.

Der Realität ist es egal was du glaubst, was du machst, wen du wählst. Sie ist und bleibt einfach real. Und weil das der Fall ist, ist es da nicht besser, sie so zu sehen, wie sie ist? Wenn du an etwas glaubst, das falsch ist, dann hängen sich daran andere Überzeugungen, es wird komplizierter und immer schwerer das auszubalancieren und in Übereinstimmung zu bringen, wie eine Pyramide, die auf den Kopf gestellt aufgebaut wird.

Du fügst immer mehr Unsinn hinzu, bis die Widersprüche so deutlich offensichtlich werden, dass nur noch die Möglichkeiten bleiben sie zu ignorieren, sie voneinander abzuschotten oder das ganze Gebäude in sich zusammenstürzen zu lassen.

Du musst der Realität ins Gesicht schauen.

In diesem Buch wirst du über viele solcher, auf den Kopf gestellten Pyramiden lesen. Aliens. Die Verschwörungstheorien zur Mondlandung. Bigfoot. Einige sind lustig, witzige kleine Leckerbissen der Dummheit, die nur für sich genommen kaum Schaden verursachen.

Andere sind gefährlich. „Alternativmedizin“, die nicht nur nicht hilft, sondern Menschen davon abhält echte Medizin in Anspruch zu nehmen, und sie dadurch kränker macht.

Gebetsfernheilung, von der belegt ist, dass sie nichts nützt, die die Menschen aber dennoch verwenden anstatt sich richtige Hilfe zu suchen. Selbsternannte „Medien“, die Jagd machen auf Trauernde und Betrübte. Und natürlich der Kreationismus, der die Neugier ausschaltet und die Augen vor der wahren Natur der Dinge verschließt.

Die Wissenschaft dreht die Pyramide wieder herum und stellt sie auf eine feste Basis. Das Beste an der Wissenschaft – und seinen vielseitigen Werkzeugsatz, dem Skeptizismus – ist, dass sie das Universum so zeigt, wie es wirklich ist. Ja, es kann furchteinflößend, dunkel und unpersönlich sein. Aber das ist in Ordnung, denn gleichzeitig ist es komplex, großartig, tiefgründig, erstaunlich, herrlich…und vor allem wunderschön.

Die Schönheit ist dort draußen. Alles was du machen musst ist, damit aufzuhören daran zu glauben, und anfangen damit, es zu verstehen.


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