Glaubt mir überhaupt nichts!

Ihr habt eine andere Meinung als ich? Sehr gut!

Ihr denkt, eure Meinung ist die korrekte Meinung und nicht so falsch wie meine? Spitze!

Ihr denkt, meine Argumente sind schlecht, schwach und falsch? Super!

Ihr denkt, eure Argumente sind gut, stark und richtig? Ich bin begeistert!

Wirklich, ich meine das völlig ernst und muss unbedingt erfahren, warum meine Ansicht falsch ist. Bitte erklärt mir, welche Argumente von mir falsch, schlecht oder schwach sind und warum dies so ist. Lasst mich nicht dumm sterben. Ich irre mich sicher oft und nur wenn ich das erfahre, habe ich eine Chance meine Ansicht zu ändern.

Ich will auch unbedingt eure guten und starken Argumente hören, die eure Meinung unterstützen. Eure Meinung hat ja sicher ein starkes Fundament aus guten Argumenten und Belegen. Vielleicht habe ich etwas übersehen oder nicht bedacht und kann viel von eurer Meinung lernen?

Sollten meine Ansichten allerdings doch einen wahren Kern enthalten und meine Argumente doch nicht so schwach, schlecht und falsch, sondern eventuell sogar richtig sein, dann solltet ihr euch eventuell überlegen, ob ihr etwas lernen könnt und bereit sein, eure Meinung zu überdenken und zu ändern.

“Glauben“ sollte man sowieso überhaupt nichts. „Glauben“ bedeutet, etwas für wahr zu halten, für das man keine guten Argumente oder Belege präsentieren kann. Prüft meine Argumente, denkt selbst darüber nach, ob sie gut oder schlecht sind, eher wahr oder eher falsch und bildet euch eure eigene Meinung darüber, die ihr vor euch selbst und anderen rechtfertigen und erläutern können solltet. Seid skeptisch und denkt kritisch, nur so kommt ihr der Wahrheit näher!

John Stuart Mill bringt es in seinem Buch „Über die Freiheit“ (1859) treffend auf den Punkt:

Unsere gesichertsten Überzeugungen haben keine verlässlichere Schutzwache als eine ständige Einladung an die ganze Welt, sie als unbegründet zu erweisen. Wenn diese die Herausforderung nicht annimmt oder, falls sie sie annimmt, der Angriff fehlschlägt, so sind wir noch von der Gewissheit weit entfernt, aber wir haben das Beste getan, was der gegebene Stand menschlicher Vernunft zulässt: wir haben nichts außer acht gelassen, was der Wahrheit eine Chance geben konnte, uns zu erreichen. Bleiben die Schranken offen, dann können wir hoffen, dass man eine bessere Wahrheit, wenn es solche gibt, finden wird, sobald der Menschengeist sie zu erfassen fähig ist. In der Zwischenzeit können wir uns darauf verlassen, der Wahrheit so nahe gekommen zu sein, wie es in unseren Tagen möglich ist. Das ist der Betrag an Gewissheit, den ein fehlbares Wesen erreichen kann, und das der einzige Weg, ihn zu erlangen.


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