Wer hat die Beweislast zu tragen?

Hin und wieder treffe ich auf Menschen, die etwas in dieser Art und Weise sagen: „Wenn du mir nicht glaubst, dann beweise mir doch das Gegenteil!“. Ich kann mich dann immer schwer entscheiden, ob ich darüber weinen oder lachen sollte. Warum? Weil derjenige, der so etwas sagt, einige sehr elementare Dinge nicht verstanden oder richtig durchdacht hat.

Am lustigsten oder traurigsten ist es, wenn dieser Satz in einem Tonfall der Arroganz oder mit einem Gefühl des Triumphs geäußert wird, so als hätte man damit die Diskussion über das Thema X gewonnen und hätte Recht.

Oft ging es in der vorherigen Diskussion darum, dass mein Gesprächspartner eine (Existenz-)Behauptung aufgestellt hat, wie z.B. dass Gott existiert, dass Homöopathie wirkt und heilt, dass es Meridiane oder Chakren gibt, dass Kernkraftwerke die Krebsraten der Anwohner erhöhen, dass die Brauerei Warsteiner Scientology gehört oder von Mitgliedern infiltriert sei, dass Astrologie funktioniert und so weiter und so fort.

Meine Reaktion auf solche Behauptungen ist dann, dass ich frage, welche Argumente und Belege es für die Wahrheit seiner Behauptung gibt? Oft ist da dann schon Schluss, weil sich der Behauptende anscheinend noch nie Gedanken darüber gemacht hat, warum er seine eigene Behauptung für wahr hält, bzw. wie er anderen erklären kann, warum diese seine Behauptung für wahr halten sollten. Manchmal teilt er mir dann doch Argumente mit, die aber leider bisher noch nie gute Argumente waren und wirklich nicht gut durchdacht sind.

Wenn dann die Diskussion eine Weile ging und ich jedes Argument von ihm mit einem besseren Gegenargument beantwortet habe, dann kommt es manchmal vor, dass er sagt: „Wenn du mir nicht glaubst, dann beweise mir doch das Gegenteil!“.

Dieser Satz ist im Prinzip ein Akt der Verzweiflung und Aufgabe. Warum? Bisher konnte ich ihm nicht glauben, also seine Behauptung nicht für wahr halten, weil er keinerlei gute Argumente, Belege oder gar Beweise präsentieren konnte, die so überzeugend waren, dass sie die Wahrheit seiner Behauptung zweifelsfrei zeigen konnten. Er fordert mich dann auf, dass ich ihm doch trotzdem glauben sollte und seine Behauptung für wahr halten soll, weil ich ihm doch sicher nicht das Gegenteil beweisen könnte, bzw. nicht beweisen könnte, dass seine Behauptung definitiv falsch sei.

Lassen wir uns das einmal auf der Zunge zergehen und lesen wir noch einmal die letzten zwei Sätze. Der Behauptende will unbedingt, dass ich ihm glaube, also seine Behauptung ebenfalls für wahr halte genau wie er dies tut. Weil dieses Ziel durch seinen ersten Versuch mit Argumenten für seine Behauptung nicht zu erreichen war, ist er so frech und behauptet, dass man seine Behauptung für wahr halten müsse, wenn man sie nicht widerlegen könne.

Was für ein Husarenstreich und welch kühne Dreistigkeit!

Weshalb? Wenn ich nun behaupten würde, dass sie ein Mörder, Vergewaltiger, Dieb, etc… sind, dann müssen wir sie für schuldig halten, so lange, bis ihre Unschuld bewiesen ist. Wenn ich behaupten würde, dass ein unsichtbarer Drache in meiner Garage lebt, ich drei Feen in meinem Garten habe und sie mir 153 Millionen € schulden, dann müssen alle meine Behauptungen für wahr halten und zwar so lange, bis diese widerlegt sind?

Verstehen Sie das Ausmaß des Problems, welchem wir schutzlos ausgeliefert wären, wenn wir so vorgehen würden? Man müsste jede noch so lächerliche, absurde und falsche Behauptung für wahr halten, nur weil man nicht in der Lage ist, sie zu widerlegen.

Deswegen gibt es das Prinzip der Beweislast, welches ganz einfach und einsichtig ist und folgendermaßen lautet:

Jeder, der eine (positive) Behauptung aufstellt, hat die Beweislast zu tragen. Er muss Argumente und Belege präsentieren können, die überzeugend und geeignet sind, die Wahrheit seiner Behauptung zu beweisen. Kann er das nicht, dann ist man nicht nur berechtigt ihm nicht zu glauben, man hat sogar die intellektuelle Pflicht seine Behauptung für falsch anzusehen.

Um das noch etwas zu präzisieren:

Die Standardposition gegenüber jedweder Behauptung ist Unglaube, d.h. man hält sie für nicht wahr bzw. falsch! Es ist nicht gerechtfertigt, eine Behauptung für wahr zu halten, wenn es keine guten Argumente und Belege für sie gibt.

Niemand ist gezwungen, eine Behauptung zu widerlegen, denn die Beweislast liegt nicht bei dem Widerleger, sondern bei dem Behauptenden!

Selbstverständlich ist es manchmal tatsächlich möglich eine Behauptung zu widerlegen und dann kann und sollte man dies auch machen. Dies sorgt dann für noch mehr Klarheit, obwohl ich festhalten muss, dass selbst eine Widerlegung einen echten Gläubigen nicht wirklich interessiert, er glaubt trotzdem weiter, weil er das will, nicht weil er über Argumente und Belege nachdenkt. In vielen Fällen ist eine Widerlegung aber tatsächlich nicht möglich, manchmal aus praktischen Gründen, manchmal sogar aus theoretischen Gründen. Aber wie dem auch sei, dies ist kein Grund sich Sorgen zu machen, wie inzwischen hoffentlich jedem klargeworden ist.

Hier noch ein schönes Video von Jörg Wipplinger genau zu diesem Thema

Und hier das Zitat von Bertrand Russells berühmter Teekanne:

„Wenn ich behaupten würde, dass es zwischen Erde und Mars eine Teekanne aus Porzellan gäbe, welche auf einer elliptischen Bahn um die Sonne kreise, so würde niemand meine Behauptung widerlegen können, vorausgesetzt, ich würde vorsichtshalber hinzufügen, dass diese Kanne zu klein sei, um selbst von unseren leistungsfähigsten Teleskopen entdeckt werden zu können.

Aber wenn ich nun zudem auf dem Standpunkt beharrte, meine unwiderlegbare Behauptung zu bezweifeln sei eine unerträgliche Anmaßung menschlicher Vernunft, dann könnte man zu Recht meinen, ich würde Unsinn erzählen. Wenn jedoch in antiken Büchern die Existenz einer solchen Teekanne bekräftigt würde, dies jeden Sonntag als heilige Wahrheit gelehrt und in die Köpfe der Kinder in der Schule eingeimpft würde, dann würde das Anzweifeln ihrer Existenz zu einem Zeichen von Exzentrik werden.

Es würde dem Zweifler in einem aufgeklärten Zeitalter die Aufmerksamkeit eines Psychiaters einbringen oder die eines Inquisitors in früherer Zeit.“

– Bertrand Russell: Is There a God?


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