Eleganter Unsinn I: Klarheit und Nachvollziehbarkeit

Im Jahr 1996 erschien in der Zeitschrift „Social Text“ ein Artikel von Alan Sokal mit dem Titel „Transgressing the Boundaries: Towards a Transformative Hermeneutics of Quantum Gravity“ (deutsch: Die Grenzen überschreiten: Auf dem Weg zu einer transformativen Hermeneutik der Quantengravitation).

Das bemerkenswerte und absolut verblüffende an diesem Artikel ist nun, dass er völliger Unsinn war (und ist!). Alan Sokal bastelte sich einen Text zusammen, dadurch dass er typische postmoderne „wissenschaftliche“ Beiträge imitierte, und würzte seinen Text dann noch mit Absurditäten, falschen Auslegungen wissenschaftlicher Tatsachen, simplen Trugschlüssen und fügte logische Fehler hinzu.

Man bezeichnet diesen Vorfall inzwischen als „Sokal-Affäre“ und es ergeben sich viele Fragen, die man in diesem Zusammenhang stellen kann, wovon ich einige hier besprechen möchte.

In diesem ersten Teil geht es um folgende Fragen:

Warum hat die Zeitschrift „Social Text“ diesen Artikel veröffentlicht? Wie kann es sein, dass man dort auf diesen Nonsens-Text hereingefallen ist? Welche Schlussfolgerungen könnte man insgesamt daraus ziehen?

In dem zweiten Teil geht es um folgende Fragen:

Was ist die Postmoderne, der Relativismus und der Konstruktivismus? Sind diese (philosophischen) Positionen oder Ansichten gut begründet? Was versteht man unter „Science War“, wie stehen die verschiedenen Wissenschaften zueinander (z.B. Geisteswissenschaften versus Naturwissenschaften), welche Gemeinsamkeiten teilen sie und welche Unterschiede gibt es?

In dem dritten Teil geht es um folgende Frage:

Ist es gerechtfertigt eine Wertung der einzelnen Wissenschaften vorzunehmen oder nicht?

Fangen wir mit der ersten Frage an: Warum hat die Zeitschrift „Social Text“ diesen Artikel veröffentlicht?

Dazu muss man wissen, dass „Social Text“ eine (radikale) Zeitschrift ist, die für ihre postmoderne Ausrichtung bekannt ist. Offensichtlich akzeptierten Sie den Aufsatz von Alan Sokal, weil er die Thesen der Anhänger der Postmoderne (scheinbar) unterstützt. Die Herausgeber bzw. die Qualitätssicherung (falls vorhanden) haben offensichtlich versagt, denn es wurde ja ein völlig unsinniger Aufsatz veröffentlicht. Dadurch haben die Anhänger der Postmoderne ein klassisches Eigentor geschossen, anstatt ihre (bevorzugten) Thesen zu unterstützen.

Wie kann es sein, dass man bei „Social Text“ auf diesen Nonsens-Text hereingefallen ist?

Die wohl wahrscheinlichste Möglichkeit dürfte die sein, dass die Herausgeber den Text selbst nicht verstanden haben. Hinzu kommt, dass der Text von einem Physiker, also einer Autorität des „gegnerischen Lagers“, verfasst wurde. Ein „Überläufer“, der (scheinbar) für die eigenen Thesen wirbt, was kann einem Besseres passieren?

Lassen wir Alan Sokal selbst sagen, wie er seinen Artikel geschrieben und aufgebaut hat:

Wie das Genre, das er parodieren soll [...] ist mein Aufsatz eine Mischung aus Wahrheiten, Halbwahrheiten, Viertelwahrheiten, Fehlern, Trugschlüssen und syntaktisch richtigen Sätzen, die keinerlei Bedeutung haben. … Ich habe mich auch anderer Strategien bedient, deren Verwendung in diesem Genre [...] gang und gäbe ist: Verweise auf Autorität anstelle von Logik; die Präsentation spekulativer Theorien als anerkannte Wissenschaft, strapazierte und sogar absurde Analogien, wohlklingende, aber zweideutige Rhetorik und die „Verwechslung“ zwischen der Alltags- und der wissenschaftlichen Bedeutung von Wörtern. (Alan Sokal/Jean Bricmont 1999 Eleganter Unsinn: S.319/320)

Es wäre natürlich rein theoretisch auch möglich, dass die Herausgeber den Text plausibel fanden (dies würde allerdings kein gutes Licht auf ihre Arbeitsweise oder Rationalität werfen) oder dass sie „einige Mängel“ akzeptierten oder es lag einfach daran, dass es eine radikale Zeitschrift war (ist?).

Wenn man einmal davon ausgeht, dass sie den Text einfach nicht verstanden haben, dann wird daran sehr deutlich, warum Klarheit eine (wissenschaftliche) Tugend ist. Man kann kaum stark genug betonen, weshalb es unglaublich wichtig ist, sich klar, deutlich und verständlich auszudrücken.

Erstens gibt man so mehr Menschen die Chance überhaupt verstehen zu können, wovon man redet. Zweitens ist es so viel leichter Fehler in der These, dem Konzept oder der Idee zu erkennen, wenn sie klar erläutert wird. Drittens verhindert man dadurch, sich vor Kritik zu immunisieren.

Ich halte dies für eine der wichtigsten Schlussfolgerungen aus der Sokal-Affäre. Ich kann mich hier nur Karl Popper anschließen:

Ein Plädoyer für intellektuelle Redlichkeit:

 

Aus meiner sozialistischen Jugendzeit habe ich viele Ideen und Ideale ins Alter gerettet. Insbesondere: Jeder Intellektuelle hat eine ganz besondere Verantwortung. Er hatte das Privileg und die Gelegenheit, zu studieren; dafür schuldet er es seinen Mitmenschen (oder „der Gesellschaft“), die Ergebnisse seiner Studien in der einfachsten und klarsten und verständlichsten Form darzustellen. Das Schlimmste – die Sünde gegen den heiligen Geist – ist, wenn die Intellektuellen versuchen, sich ihren Mitmenschen gegenüber als große Propheten aufzuspielen und sie mit orakelnden Philosophien zu beeindrucken. Wer’s nicht einfach und klar sagen kann, der soll schweigen und weiterarbeiten, bis er’s klar sagen kann. […] Was ich oben (Punkt 1) die Sünde gegen den heiligen Geist genannt habe – die Anmaßung des dreiviertel Gebildeten –, das ist das Phrasendreschen, das Vorgeben einer Weisheit, die wir nicht besitzen. Das Kochrezept ist: Tautologien und Trivialitäten gewürzt mit paradoxem Unsinn. Ein anderes Kochrezept ist: Schreibe schwer verständlichen Schwulst und füge von Zeit zu Zeit Trivialitäten hinzu. Das schmeckt dem Leser, der geschmeichelt ist, in einem so ‚tiefen‘ Buch Gedanken zu finden, die er selbst schon mal gedacht hat.

Nach Poppers Meinung seien diese nicht nur nicht unter dem Aspekt der leichten Versteh- und Kritisierbarkeit geschrieben worden, sondern möglicherweise sogar mit genau gegenteiliger Intention: Große Worte könnten, so Popper, auch dazu dienen, intellektuell bescheidene Inhalte so unverständlich zu formulieren, dass eine Kritik bewusst erschwert oder verhindert werde.

Jede Theorie und jede wissenschaftliche Position sollte aber Poppers Ansicht nach so formuliert werden, dass eine Kritik so leicht wie möglich ist. Seine Kritik am „Obskurantismus“ ist aber nur ein Aspekt einer umfassenderen Kritik Poppers an dem von ihm so genannten „Professionalismus“.

 

Hier geht es weiter mit dem zweiten Teil…


2 Kommentare

  1. Anon Nymus

    Guten Abend,
    Stephan könntest du mir Tipps geben wie ich meinen Wortschatz noch mehr erweitern kann?
    Undzwar nicht nur für den Moment irgendwo Fachwörter als Liste nachschlagen sondern im Kontext verwendet lesen damit ich sie verstehe.
    Könntest du dazu Texte/Bücher empfehlen?
    Wie du selber schreibst neigen viele Autoren dazu ‘Pustekuchen’ schön einzupacken daher wäre es mir angenehmer wenn du kurz einige Bücher oder Artikel empfehlen könntest (ob kostenpflichtig oder nicht ist irrelevant)

    Viele Grüße
    Tobias

  2. Hallo Tobias,

    wenn du ein Wort nicht verstehst, dann empfehle ich dir wikipedia. Schau es einfach bei wikipedia nach, das ist als schneller, kostenloser Einstieg ziemlich gut in der Regel.
    Die Bedeutung wird dir da auch relativ umfangreich erklärt.

    Allgemeine Bücherempfehlungen: http://www.nachdenken-bitte.de/kritisches-denken/meine-subjektiven-buchempfehlungen/

    Viele Grüße
    Stephan

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