Spiritualität und intellektuelle Redlichkeit

Eigentlich ist es keine gute Idee einen Artikel zu einem Text zu verfassen, den man nicht wirklich komplett verstanden hat. Eigentlich. Aber ich dachte mir: Was soll‘s, vielleicht verstehen den Text andere Menschen viel besser. Nein, ich bin mir sicher, dass es viele gibt, die diesen Aufsatz besser verstehen.

Außerdem kann ich nicht so lange warten, bis ich den Aufsatz besser verstanden habe, dafür ist er viel zu interessant und gut geschrieben und ich würde mich freuen, wenn mehr Leser sich für ihn begeistern könnten. Wovon ich eigentlich rede? Ich rede von einem Aufsatz von Prof. Dr. Thomas Metzinger mit dem Titel „Spiritualität und intellektuelle Redlichkeit“, der mich wirklich begeistert hat.

Vor allem der Teil über „Intellektuelle Redlichkeit“ hat mich sehr angesprochen, allerdings fand ich auch den Teil über „Spiritualität“ sehr interessant. Ich konnte bisher mit dem Wort „Spiritualität“ nicht viel anfangen und ich bin mir nicht sicher, ob ich nun mehr damit anfangen kann bzw. ob ich die Definition und Erläuterung von Thomas Metzinger sinnvoll finde.

Der Aufsatz ist für mich so interessant, weil er an vielen Stellen wunderbar meine eigenen Gedanken und Intentionen beschreibt.

Ich will hier einige Zitate wiedergeben, die mir sehr gut gefallen haben. Wer sich nur ein wenig für “Spiritualität” und “Intellektuelle Redlichkeit” interessiert und wissen will, was das sein könnte, sollte unbedingt den ganzen Aufsatz in aller Ruhe und mit voller Konzentration durchlesen. Absolute Empfehlung!

Zitate:

Zeitgleich befindet sich unser wissenschaftlich-philosophisches Selbstverständnis in einem fundamentalen Umbruch. Unsere Theorien über uns selbst ändern sich, insbesondere das Bild unseres eigenen Geistes. Ich habe diesen zweiten, parallel verlaufenden Vorgang an anderer Stelle die „naturalistische Wende im Menschenbild“ genannt: Genetik, kognitive Neurowissenschaft, evolutionäre Psychologie und die moderne Philosophie des Geistes liefern uns schrittweise ein neues Bild von uns selbst, ein immer genaueres theoretisches Verständnis auch der eben erwähnten geistigen Tiefenstruktur, ihrer neuronalen Grundlage und ihrer biologischen Geschichte. Wir beginnen nun – ob wir es wollen oder nicht – auch unsere mentalen Fähigkeiten zunehmend als natürliche Eigenschaften unserer selbst zu begreifen, als Eigenschaften mit einer biologischen Geschichte, die mit den Methoden der Naturwissenschaften erklärt, prinzipiell technologisch kontrolliert und vielleicht sogar auf nicht-biologischen Trägersystemen erzeugt werden können.

Was könnte das überhaupt sein, „Spiritualität“? Was genau ist mit der Idee der „intellektuellen Redlichkeit“ gemeint? Und: Gibt es eine innere Verbindung zwischen diesen beiden Einstellungen zur Welt und zum eigenen Geist?

Obwohl dies kein technischer philosophischer Text ist, möchte ich versuchen, gleichzeitig drei Thesen zu vertreten. Diese drei Thesen lauten:

Das Gegenteil von Religion ist nicht Wissenschaft, sondern Spiritualität.

Das ethische Prinzip der intellektuellen Redlichkeit kann man als einen Sonderfall der spirituellen Einstellung beschreiben.

Die wissenschaftliche und die spirituelle Einstellung entstehen in ihren Reinformen aus derselben normativen Grundidee.

In den aktuellen, lebendigen Erscheinungsformen von Spiritualität geht es primär um Praxis und nicht so sehr um Theorie, um eine bestimmte Form des inneren Handelns und nicht um Frömmigkeit oder darum, dogmatisch an etwas Bestimmtes zu glauben.

Spiritualität ist im Kern eine epistemische Einstellung. Spirituelle Personen wollen nicht glauben, sondern wissen. Es geht um eine erfahrungsbasierte Form von Erkenntnis, die mit innerer Aufmerksamkeit, Körpererfahrung und der systematischen Kultivierung bestimmter veränderter Bewusstseinszustände zu tun hat, das ist ganz klar – und danach wird es sofort wieder sehr schwierig.

Spiritualität ist eine epistemische Einstellung von Personen, bei der die gesuchte Form von Erkenntnis nicht theoretisch ist. Das bedeutet: Es geht nicht um Wahrheit im Sinne der richtigen Theorie, sondern um eine bestimmte Praxis, eben eine spirituelle Praxis. Im Falle der klassischen Meditationspraxis ist dies eine systematische Form des inneren Handelns, das sich dann bei genauerem Hinsehen als eine bestimmte Form des aufmerksamen Nicht-Handelns entpuppt. Die gesuchte Form von Erkenntnis ist nicht propositional, es geht nicht um wahre Sätze. Es geht auch nicht um gedankliche Einsichten, und die gesuchte Form von Erkenntnis ist deshalb sprachlich nicht kommunizierbar, sie kann höchstens angedeutet oder gezeigt werden. Andererseits ist es aber immer ganz klar, dass es bei Spiritualität nicht um Therapie allein oder um eine verfeinerte Form von Wellness geht, sondern in einem sehr starken Sinn um ethische Integrität durch Selbstwissen, um eine radikale, existentielle Form von Befreiung durch Selbsterkenntnis; und in vielen Traditionen ist es auch sehr deutlich, dass es dabei immer so etwas wie eine geistige Schulung, einen Übungsweg, eine innere Form von Tugend oder Selbstvervollkommnung gibt. Man findet also ganz am Anfang einen Wissensaspekt und einen normativen Aspekt, und das bedeutet: Es geht bei der spirituellen Einstellung zur Welt in einem sehr besonderen Sinn gleichzeitig um Erkenntnis und um Ethik. Die spirituelle Einstellung ist eine Ethik des inneren Handelns um der Selbsterkenntnis willen.

Was ist aber diese Unbestechlichkeit? Was heißt es – insbesondere auch sich selbst gegenüber – nicht korrupt zu sein? Gibt es eine Form von Spiritualität, die nicht selbstgefällig, klebrig oder kitschig ist, bei der man keinen intellektuellen Selbstmord begeht und deshalb auch nicht auf mehr oder weniger subtile Form seine Würde als kritisches rationales Subjekt verliert? Gibt es auf diesem Gebiet wirklich so etwas wie „inneren Anstand“, eine klar benennbare geistige Qualität der Redlichkeit – oder kann man sich am Ende immer nur auf Ludwig Wittgensteins klassische Warnung zurückziehen: „Was sich überhaupt sagen lässt, lässt sich klar sagen; und worüber man nicht reden kann, davon muss man schweigen.“?

Intellektuelle Redlichkeit bedeutet, dass man einfach nicht bereit ist, sich selbst etwas in die Tasche zu lügen. Sie hat auch etwas mit sehr altmodischen Werten wie Anständigkeit, Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit zu tun, mit einer bestimmten Form von „innerem Anstand“. Man kann vielleicht sagen: Sie ist eine sehr konservative Weise, wirklich subversiv zu sein. Intellektuelle Redlichkeit ist möglicherweise aber auch gleichzeitig genau das, was Vertreter der organisierten Religionen und Theologen aller couleur einfach nicht haben können, auch wenn sie es gerne für sich in Anspruch nehmen würden. Intellektuelle Redlichkeit bedeutet ja gerade, dass man nicht vorgibt, etwas zu wissen oder auch nur wissen zu können, was man nicht wissen kann, dass man aber trotzdem einen bedingungslosen Willen zur Wahrheit und zur Erkenntnis besitzt, und zwar selbst dann, wenn es um Selbsterkenntnis geht, und auch dann, wenn Selbsterkenntnis einmal nicht mit schönen Gefühlen einhergeht oder der akzeptierten Lehrmeinung entspricht.

Beim Denken geht es nicht um schöne Gefühle. Es geht um die bestmögliche Übereinstimmung zwischen Wissen und Meinung; es geht darum, nur evidenzbasierte Überzeugungen zu haben und darum, dass Kognition nicht emotionalen Bedürfnissen dient.

Für den britischen Philosophen John Locke war das Wissen-wollen selbst noch eine religiöse Pflicht gegenüber Gott: „Wer glaubt, ohne einen vernünftigen Grund zum Glauben zu haben, mag in seine Einbildungen verliebt sein, aber er sucht weder die Wahrheit so, wie er sollte, noch erweist er seinem Schöpfer den schuldigen Gehorsam. Denn es ist die Absicht des Schöpfers, dass der Mensch die Erkenntnisfähigkeit, die ihm verliehen wurde, anwenden soll, um Irrtum und Täuschung zu vermeiden.“[11] Wenn Gott also tatsächlich eine Person sein sollte, und noch dazu eine mit so menschlichen Eigenschaften wie „Absichten“, dann kann er nicht wollen, dass wir einfach an ihn glauben. Er muss wollen, dass wir ihn zu erkennen versuchen. Man sieht hier sehr schön die philosophische Idee, dass ganz am Anfang intellektuelle Redlichkeit und Erkenntnisstreben selbst noch eine religiöse Pflicht gegenüber Gott sind.

Für Friedrich Nietzsche ist intellektuelle Redlichkeit das „Gewissen hinter dem Gewissen“. Er schreibt 1883 im „Zarathustra“: „Wo meine Redlichkeit aufhört, bin ich blind und will auch blind sein. Wo ich aber wissen will, will ich auch redlich sein, nämlich hart, eng, grausam, unerbittlich.“

In seiner höchsten Form führt der Wille zur Wahrhaftigkeit dazu, dass man sich selbst eingestehen kann, dass es keinerlei empirische Belege für die Existenz Gottes gibt, und dass über viertausend Jahre der Philosophiegeschichte kein überzeugendes Argument für die Existenz Gottes hervorgebracht haben. Er erlaubt es uns, die von der Evolution fest in uns eingebaute Suche nach emotionaler Sicherheit und guten Gefühlen loszulassen und der Tatsache ins Auge zu schauen, dass wir radikal sterbliche Wesen sind, die zu systematischen Formen der Selbsttäuschung neigen. Wahrhaftigkeit uns selbst gegenüber erlaubt es, das Wahnhafte und die systematische Endlichkeitsverleugnung in unserem Selbstmodell zu entdecken.

Der Urvater dieser für die Unterscheidung zwischen Religion und Spiritualität so absolut zentralen Frage war der britische Philosoph und Mathematiker William Kingdon Clifford. Hier sind seine zwei Grundprinzipien:

-          Es ist zu jeder Zeit, an jedem Ort und für jede Person falsch, etwas aufgrund unzureichender Beweise zu glauben.

-          Es ist zu jeder Zeit, an jedem Ort und für jede Person falsch, für die eigenen Überzeugungen relevante Beweise zu ignorieren, oder sie leichtfertig abzuweisen.

In der akademischen Philosophie nennt man diese Position ganz einfach „Evidentialismus“. Das heißt, dass man nur etwas glaubt, für das man wirklich Argumente und Belege hat. Die philosophischen Gegenstücke sind etwas, das wir alle gut kennen, nämlich der Dogmatismus und der Fideismus. Dogmatismus ist die These: „Es ist legitim, an einer Überzeugung festzuhalten, einfach weil man sie schon hat.“ Fideismus nennt man in der Philosophie die Idee, dass es völlig legitim ist, an einer Überzeugung auch dann festzuhalten, wenn es keine guten Gründe oder Evidenzen für sie gibt, sogar angesichts überzeugender Gegenargumente. Der Fideismus ist also der reine Glaubensstandpunkt. Für den Fideisten ist es legitim, an bestimmten Überzeugungen festzuhalten, nicht nur ohne irgendwelche positiven Argumente oder Evidenzen für sie, sondern selbst angesichts starker Gegenargumente und starker empirischer Belege gegen eigene Überzeugungen. Das Interessante daran ist jetzt, dass man den Fideismus als die Verweigerung jeder ethischen Einstellung zum inneren Handeln überhaupt beschreiben kann. Er ist ein Mangel an innerem Anstand. Und das ist der klassische Standpunkt der organisierten Religion im Gegensatz zur Spiritualität. Wenn man die beiden erkenntnistheoretischen Positionen einmal rein psychologisch interpretieren würde, dann geht es beim Fideismus um vorsätzliche Selbsttäuschung, um systematisches Wunschdenken oder auch um Paranoia, während das psychologische Ziel der Ethik eines Glaubens eine ganz bestimmte Form von geistiger Gesundheit ist. Ich nenne diese Form von geistiger Gesundheit „intellektuelle Integrität“.

Wenn man sich in vollständiger Abwesenheit positiver theoretischer oder praktischer Gründe gehen lässt und es sich gestattet, einfach an einem bestimmten Glauben festzuhalten, dann hat man also die ganze Idee einer Ethik des inneren Handelns bereits aufgegeben. Man lehnt das Projekt der intellektuellen Redlichkeit ab, man verweigert auf der Ebene des eigenen Geistes nicht nur die Rationalität, sondern auch die Moralität. Damit verändern sich aber nicht nur die eigenen Meinungen und Überzeugungen, sondern letztlich verliert auch die Person als Ganze ihre Integrität. Und das ist es, was ich am Anfang damit meinte, dass intellektuelle Redlichkeit das ist, was Theologen und die Vertreter der organisierten Religion aller Art einfach nicht haben können.

Wenn man ernsthaft an der Frage nach der Möglichkeit einer säkularisierten Spiritualität interessiert ist, dann muss man alle relevanten empirischen Daten und alle möglichen Gegenargumente in Betracht ziehen. Der Philosoph William Clifford hat im Jahre 1877 über Leute, die das nicht tun, das Folgende gesagt: „Wenn jemand vorsätzlich das Lesen von Büchern und die Gesellschaft anderer Menschen, die kritische Fragen aufwerfen, vermeidet, dann ist das Leben dieser Person eine einzige lange Sünde gegen die Menschheit.“

Beginnen wir dabei mit der Frage nach der Existenz Gottes. Begrifflich ist es so, dass es auch nach 2500 Jahren westlicher Philosophiegeschichte kein einziges überzeugendes Argument für die Existenz Gottes gibt. Alle bekannten Gottesbeweise scheitern. Und es ist auch gar nicht so einfach – wie viele von uns das gerne tun – sich in den Agnostizismus zurückzuziehen und zu sagen: „Ich sage einfach nichts dazu, ich enthalte mich des Urteils!“ Das ist deswegen problematisch, weil die ganze Beweislast auf Seiten der Theisten liegt, auf der Seite derjenigen, die eine positive Behauptung aufstellen, ohne sie durch empirische Belege oder vernünftige Argumente stützen zu können. Wenn zum Beispiel unsere besten Theorien und alle verfügbaren Daten darauf hindeuten, dass es den Osterhasen nicht gibt, dann ist es auch nicht intellektuell redlich zu sagen „Ich bin Osterhasenagnostiker, ich lasse das für mich einfach offen!“ Ein klassischer Fehlschluss ist in diesem Zusammenhang das in der Philosophie seit vielen Jahrhunderten bekannte Argumentum ad ignorantiam, das „Argument aus dem Nichtwissen“. Der logische Fehler besteht hier in der Annahme, dass etwas, was nicht als falsch bewiesen ist, automatisch wahr ist. In unserem Beispiel sähe der klassische Denkfehler so aus: „Solange die Existenz des Osterhasen nicht zwingend widerlegt ist, kann man sie als eine allgemein akzeptierte Tatsache voraussetzen!“ Dieser Fehlschluss liegt uns allen aus psychologischen Gründen sehr nah, weil er darin besteht, sich kulturellen Traditionen zu unterwerfen und aus unserem Nichtwissen insgeheim doch eine starke Schlussfolgerung ableiten zu wollen. Aus der Tatsache, dass man etwas nicht weiß, folgt aber fast nichts wirklich Interessantes.

Es könnte argumentationstheoretisch also durchaus der Fall sein, dass der Agnostizismus am Ende auch deshalb keine Option ist, weil die Beweislast so ungleich verteilt ist und es einfach keine überzeugenden positiven Argumente für die Existenz Gottes gibt. Der Agnostizismus tritt allerdings in vielen verschiedenen Ausprägungen auf. Zwei dieser Varianten sind für Personen mit der oben skizzierten spirituellen Einstellung möglicherweise interessant: Die glasklare theoretische Einsicht, dass alle Fragen nach der Existenz oder Nicht-Existenz Gottes bedeutungslos sind, solange es keine kohärente Definition des Begriffs „Gott“ gibt – ein Punkt, der übrigens auch all jene betrifft, die Atheisten sein und eine eindeutige negative Antwort geben möchten. Gibt es aber überhaupt einen gehaltvollen und nicht in sich widersprüchlichen Begriff von Gott? Ein spiritueller Agnostiker des Typs I könnte sagen: „Ich weiß überhaupt nicht, was du mit dem Begriff ‚Gott‘ meinst, und kann daher keine Aussage über dessen Existenz oder Nicht-Existenz machen. Es wäre intellektuell unredlich, sich an solchen Diskussionen zu beteiligen.“ Der Typ II-Agnostiker dagegen könnte ganz schlicht darauf hinweisen, dass die Frage nach der Existenz oder Nicht-Existenz Gottes uninteressant und in diesem Sinne bedeutungslos sei, und zwar genau deshalb, weil sie für die spirituelle Praxis keinerlei Rolle spielt. Denn in dieser Praxis geht es ja gar nicht um die richtige Theorie – sondern darum, die andauernde Suche nach emotionaler Sicherheit und Gewissheit zu beenden, indem man auf einer tieferen Ebene die innere Struktur versteht, die ihr zu Grunde liegt.

Begrifflich scheint es also so zu sein, dass es kein überzeugendes Argument für die Existenz Gottes gibt und dass man leicht in Denkfehler oder irrelevante Diskussionen abgleiten kann. Was aber ist eigentlich mit empirischen Evidenzen? Empirisch, das ist trivial, gibt es keinerlei Belege für die Existenz Gottes. Auch mystische Erfahrungen und veränderte Bewusstseinszustände als solche sind natürlich keine empirischen Belege im engeren Sinne.

Nach dem, was sich in der Forschung langsam herauszukristallisieren beginnt, hat die Evolution des Glaubens viel mit der Evolution von nützlichen Formen der Selbsttäuschung zu tun. In der Evolution des Bewusstseins sind nämlich nicht einfach nur immer bessere Wahrnehmungen und immer bessere Formen von Denken und Intelligenz entstanden. Es sind auch nützliche falsche Überzeugungen, positive Illusionen und komplette Wahnsysteme aufgetaucht, die sich möglicherweise deshalb erhalten haben, weil sie letztendlich dazu geführt haben, dass der Fortpflanzungserfolg der betreffenden Wesen anstieg, dass sie also mehr Gene erfolgreich in die nächste Generation kopieren konnten. Fast alle Eltern nehmen die eigenen Kinder ganz direkt als überdurchschnittlich hübsch und intelligent wahr. Sie sind stolz auf ihre Kinder und behaupten, dass ihre emotionale Lebensqualität, ihre allgemeine Zufriedenheit und persönliche Sinnerfahrung mit der Elternschaft zugenommen haben. Die psychologische Forschung zeigt, dass sie in Wirklichkeit eine geringere emotionale Lebensqualität haben als Kinderlose, dass positive Gefühle seltener auftreten, negative Gefühle und depressive Episoden häufiger sind, und dass auch die Zufriedenheit mit der Ehe und dem Lebenspartner schwächer ist. Ganz allgemein glaubt die Mehrheit der Menschen, mehr positive und weniger negative Erlebnisse zu haben als der Durchschnitt. Selbsttäuschung lässt uns vergangene Niederlagen vergessen, sie erhöht Motivation und Selbstvertrauen. Die konventionelle Auffassung, dass die natürliche Selektion Nervensysteme favorisiert hat, die immer genauere Bilder des Selbst und der Wirklichkeit produzieren, ist mittlerweile überholt. Die neuere Forschung zeigt, dass die Evolution in vielen Fällen systematische Fehlrepräsentationen der Wirklichkeit hervorgebracht hat. Es gibt eine Evolution der Selbsttäuschung.

Ich selbst möchte in diesem Zusammenhang den Begriff eines „adaptiven Wahnsystems“ einführen. Das mag zunächst wieder gewollt provokativ klingen, aber auch hier geht es mir nicht um Polemik, sondern um einen klaren, sachlichen Punkt. „Wahn“ ist zunächst, rein psychiatrisch gesehen, eine offensichtlich falsche Überzeugung, die mit einem starken subjektiven Gewissheitserleben einhergeht und die durch vernünftige Argumente oder empirische Belege nicht korrigiert werden kann. Ein System aus Wahnvorstellungen ist ein ganzes Netzwerk zusammenhängender Überzeugungen, das auch von vielen Menschen miteinander geteilt werden kann. Aus psychiatrischer Perspektive gesehen ist ein Wahn immer etwas, das den Patienten in der Lebensführung beeinträchtigt und dadurch meistens auch einen Leidensdruck erzeugt – für religiöse Glaubenssysteme wird dieser Zusammenhang traditionell bestritten (oder zumindest auf diplomatische Weise ignoriert). Aber bei genauerem Hinsehen ist dies natürlich nicht richtig. Denn darum geht es ja gerade: Eine Einschränkung von intellektueller Redlichkeit führt zu einem Verlust von Autonomie und Flexibilität. Sie hat die Menschheit wiederholt in politische und militärische Katastrophen geführt, in Diktaturen und Kriege. Natürlich ist es wahr, dass solche Glaubenssysteme für einzelne Menschen und in kurzen Zeiträumen das subjektive Leiden wirksam vermindern können. Sie spenden Trost, ermöglichen intensive Gemeinschaftserfahrungen und das Erleben von Geborgenheit in einer unsicheren Welt, sie sind sozusagen metaphysische Placebos, die in der existentiellen Palliativmedizin eingesetzt werden. Für die Menschheit als Ganze ist diese Strategie aber objektiv nicht nachhaltig. Das ist der sachliche, für jeden leicht zu verstehende Punkt: Die lokale, kurzfristige Stabilisierung des Selbstwertgefühls erzeugt auf globaler Ebene immer wieder unfassbares Leid.

Wie sieht es in der modernen Neurowissenschaft des Bewusstseins aus? Nur sehr wenige der beteiligten Wissenschaftler in der aktuellen empirischen Bewusstseinsforschung glauben heute noch an ein Leben nach dem Tod. Ein funktionierendes Gehirn ist beim Menschen eine notwendige Bedingung für das Entstehen von Bewusstsein. Selbst wenn es vielleicht keine begriffliche Reduktion der subjektiven Innenperspektive gibt, an die unser inneres Erleben gebunden ist, so ist doch sehr klar, dass die Inhalte unseres bewussten Erlebens „von unten“ festgelegt werden, durch lokal und gleichzeitig stattfindende Ereignisse auf der Ebene des Gehirns. Die seriöse Forschung sucht heute nach dem „neuronalen Korrelat des Bewusstseins“ (dem NCC oder neural correlate of consciousness), also nach der kleinsten Menge von Eigenschaften im Gehirn, die hinreichend ist, um subjektives Erleben zu erzeugen. Die Wissenschaft versucht, diese Eigenschaften immer genauer zu isolieren, und sie macht Fortschritte. Dabei glaubt kaum jemand, dass es Sinneswahrnehmungen, Erinnerung, Denken oder Aufmerksamkeit ohne das NCC, also nach dem körperlichen Tod, noch geben könnte. Die vernünftigste Annahme ist, dass auch fortgeschrittene Meditationszustände ein notwendiges neuronales Korrelat besitzen, ohne dass sie nicht auftreten können. Die veränderten Bewusstseinszustände, die im Rahmen einer spirituellen Praxis um der Erkenntnis willen kultiviert werden, sind am Ende wahrscheinlich schlicht und einfach identisch mit physikalischen Zuständen in unserem Kopf. Weil auch das Gehirn ein Teil des menschlichen Körpers ist, sind dann zum Beispiel auch die Erfahrungsgegenstände der Meditation – Erinnerungsepisoden, auf die Zukunft gerichtete Fantasien, spontan auftretende Gedanken und Gefühle – letztlich körperliche Vorgänge, auch wenn sie normalerweise subjektiv nicht als solche erlebt werden.

Wie steht es mit der Idee der Erleuchtung? Für viele spirituell Praktizierende scheint sie so etwas wie das Endziel zu sein, die tiefste Erkenntnis, das Ende allen Leidens. Und natürlich gibt es Hunderte von Berichten aus vielen Kulturen und aus allen Zeiten, die von solchen „Erleuchtungserlebnissen“ berichten. Aber erstens ist es so, dass diese Berichte sich bei näherem Hinsehen immer nur in einigen Merkmalen gleichen, jedoch niemals in allen: Was die christlichen Mystiker des Mittelalters beschreiben, ist in sich schon sehr unterschiedlich und es ist auch nicht einfach identisch mit dem, worüber die großen Yogis oder japanische Zen-Mönche berichten. Aus philosophischer Perspektive gibt es keine guten Argumente dafür, dass ein einziger, wohldefinierter, kulturinvarianter, theorie- und beschreibungsunabhängiger Bewusstseinszustand existiert, der „die“ Erleuchtung ist. Die buddhistische Philosophie zum Beispiel ist sich in keinem Stadium ihrer Geschichte wirklich darüber einig gewesen, was Erleuchtung überhaupt ist oder sein könnte. Was Erleuchtung ist, wissen nur einige Millionen Menschen in den reichen Ländern des Westens ganz genau, weil sie ihre emotionalen Bedürfnisse im Esoterik-Buchladen befriedigen und dazu die geistigen Traditionen anderer Kulturen ausbeuten. Weite Teile der „spirituellen Alternativkultur“, die in der zweiten Hälfte des Zwanzigsten Jahrhunderts entstanden ist und von der ich am Anfang gesprochen habe, sind mittlerweile intellektuell unredlich und reaktionär geworden. Das ist ein Problem, und auch dieser Tatsache muss man ins Auge sehen.

Auch in der modernen Wissenschaftsphilosophie gibt es Beispiele für die spirituelle Einstellung. Karl Popper, der große Wissenschaftsphilosoph, stand unter anderem für den folgenden Gedanken: Im Kontakt mit der Wirklichkeit sind wir immer genau in dem Moment, in dem wir eine Hypothese falsifizieren, der Moment des Scheiterns ist der Moment, in dem wir die Welt berühren. Er hat dann aber auch das Folgende über das Grundprinzip eines weltanschaulich gewordenen, ideologischen Rationalismus gesagt: „‘Ich bin nicht bereit, eine Idee, eine Annahme, eine Theorie zu akzeptieren, die sich nicht durch Argumente oder die Erfahrung verteidigen lässt‘ (…) Man sieht nun sofort, dass dieses Prinzip des unkritischen Rationalismus einen Widerspruch enthält; denn da es sich seinerseits weder durch Argumente noch durch die Erfahrung unterstützen lässt, so folgt aus ihm, dass es selbst aufgegeben werden muss.“ Das ist die Idee des kritischen Rationalismus aus dem Jahre 1958, und natürlich ist sie ein Paradebeispiel für das philosophische Prinzip der intellektuellen Redlichkeit. Der kritische Rationalismus ist ein schwacher, ein bescheidener Rationalismus, der – gerade auch auf der Ebene des politischen Handelns – für die Vorteile des vernünftigen Argumentierens und eines streng evidenzbasierten Vorgehens wirbt, der aber genau weiß, dass die eigene Entscheidung für die rationale Methode nicht durch eine Letztbegründung abgesichert werden kann. Wenn die Wissenschaft das Ideal der intellektuellen Redlichkeit aufgibt, ist sie genau deshalb keine Wissenschaft mehr, sondern eine neue Art von Religion.

Und auch in diesem Sinne ist intellektuelle Redlichkeit ein Sonderfall von Spiritualität. Sie ist natürlich lange vor der Wissenschaft entstanden, aber nach der Religion, sie ist eine selbstkritische, nicht an adaptive Wahnsysteme gebundene Praxis des Erkenntnishandelns. Zu dieser Praxis gehört auch die Einstellung des philosophischen Skeptikers. Nachdem er wegen Gotteslästerung und Verführung der Jugend angeklagt worden war, sagte Sokrates in seiner berühmten Verteidungsrede vor dem Volksgericht aus 501 Athener Bürgern: „Ich weiß als Nicht-Wissender“. Die philosophische Tugend der Skepsis besteht in der Fähigkeit, die Möglichkeit einer gesicherten, nachweisbaren Erkenntnis der Wahrheit in produktiver Weise und immer wieder aufs Neue in Frage zu stellen – sie ist das Gegenteil des Dogmatismus. Skeptiker sind gefährlich, weil sie unbestechlich sind.

Auch wenn die Entwicklung in der äußeren Welt sich vielleicht immer stärker unserer Kontrolle entziehen sollte, müssen wir deshalb an einem „Prinzip Selbstachtung“ festhalten: Das Mehr-Wissen-Wollen ist die einzige Option, die wir haben, wenn wir unsere Würde und den gegenseitigen Respekt voreinander und auch vor uns selbst nicht aufgeben wollen. Selbstachtung bedeutet nicht nur, dass wir uns selbst als verletzliche, leidensfähige, zu innerer Verbindlichkeit und moralischer Verantwortung fähige Subjekte respektieren. Das Prinzip Selbstachtung in einer gefährlichen historischen Übergangsphase nicht aufzugeben heißt auch, die Tatsache wertzuschätzen, dass wir erkennende Wesen sind, die dazu fähig sind, immer neue Einsichten über die Welt und sich selbst zu erzeugen. Man muss deshalb am epistemischen Handeln festhalten, aber eben auf zwei Ebenen gleichzeitig und nicht immer nur auf einer der beiden Ebenen.

Das gemeinsame Ziel ist das Projekt der Aufklärung, die systematische Erhöhung der eigenen geistigen Autonomie. Es gibt die zwei Grundformen des epistemischen Handelns: subsymbolisch und kognitiv, in der Stille und im Denken – nämlich mit der Aufmerksamkeit (vielleicht beispielhaft verkörpert in der klassischen Tradition der Achtsamkeitsmeditation) und auf der Ebene des kritischen, vernünftigen Denkens, der wissenschaftlichen Rationalität. Aber muss man sich überhaupt entscheiden zwischen den zwei Weisen des Wissens? Ich denke, das Gegenteil ist richtig: Sie können überhaupt nur gemeinsam realisiert werden. Es gibt eine Ethik des inneren Handelns, eine normative Grundidee, die sowohl einer säkularisierten spirituellen Praxis als auch dem wissenschaftlichen Ideal der intellektuellen Redlichkeit zugrunde liegt. Wir haben bereits gesehen, dass Meditation die inneren Voraussetzungen des kritischen, rationalen Denkens kultiviert.

Man kann deshalb auch sagen: Redlichkeit im fraglichen Sinne ist eine intellektuelle Tugend, die über die Zeit hinweg kultiviert werden kann, genau wie zum Beispiel die inneren Tugenden einer präzisen, sanften Achtsamkeit oder des Mitgefühls geistige Fähigkeiten sind, die aktiv erworben und schrittweise entwickelt werden können. Es geht also vielleicht gar nicht um eine neue Synthese von Spiritualität und intellektueller Redlichkeit. Es geht vielmehr darum, das zu sehen, was bereits da ist: Die innere Einheit der geistigen Tugenden.


Einen Kommentar schreiben