Eleganter Unsinn III: Wertung von Naturwissenschaft vs. Geisteswissenschaft

Meine letzte Frage ist die, ob es gerechtfertigt ist eine Wertung der einzelnen Wissenschaften vorzunehmen oder nicht?

Meine Antwort darauf lautet:  Ja, in gewisser Hinsicht ist eine Wertung möglich.

Hierzu stelle ich zwei (voneinander unabhängige) Thesen auf, die folgendermaßen lauten:

1.)    Naturwissenschaften sind Geisteswissenschaften überlegen, im Hinblick auf Objektivität und Sicherheit der Wahrheit ihrer Theorien (Hypothesen).

2.)    Naturwissenschaften haben unsere Lebensqualität in viel stärkerem Maße gesteigert als die Geisteswissenschaften, sie sind also zumindest in dieser Hinsicht „nützlicher“ oder „wertvoller“.

Ich nehme an, dass die zweite These deutlich kontroverser aufgenommen wird, aber ich will nun kurz begründen, wie ich auf diese, für manche vielleicht kühnen oder falschen, Thesen komme.

Zunächst will ich aber noch betonen, was ich NICHT behaupte:

  • Ich sage nicht, dass Naturwissenschaftler Geisteswissenschaftlern „überlegen“ sind. Es gibt in beiden Wissenschaften gute und schlechte Wissenschaftler.
  • Ich sage auch nicht, dass Geisteswissenschaften und deren Hypothesen immer völlig subjektiv, immer unsicher und immer falsch sind (nicht einmal meistens). Ich sage nur, dass Naturwissenschaften in Bezug auf diese Kategorien besser abschneiden als die Geisteswissenschaften.
  • Ich sage nicht, dass Geisteswissenschaften komplett nutzlos und wertlos sind.
  • Ich sage nicht, dass man Geisteswissenschaften abschaffen soll.
  • Ich sage nicht, dass Geisteswissenschaften (völlig) irrational sind.

Begründung zu 1.):

Die ganz kurze und einfache Begründung für diese erste These liegt im Ergebnis der jeweiligen Wissenschaften begründet. Ein Experiment aus der Physik kommt zu einem klaren, objektiv nachvollziehbaren Ergebnis, welches sich grundsätzlich wiederholen lässt und sehr sicher ist. Bei einer Textanalyse (Hermeneutik, Exegese etc.) können drei Germanisten zu sieben verschiedenen Ergebnissen kommen.

Nun mag jemand einwenden, dass dies auch bei mehreren physikalischen Experimenten passieren kann, dass es unterschiedliche Ergebnisse geben kann. Das ist natürlich grundsätzlich richtig, allerdings ist das ein schwacher Einwand, weil dies nur daran liegt, dass eben nicht das „gleiche“ Experiment durchgeführt wurde, sondern es winzige Unterschiede gab. Wenn ich einen Bleistift fallen lasse und ein Australier macht das gleiche „Experiment“, dann werden wir beide das gleiche Ergebnis feststellen, nämlich dass er zu Boden fällt.

Das Problem bei den drei Germanisten, die zu vielen verschiedenen Ergebnissen kommen, ist dass sie sehr viel interpretieren müssen. Sie müssen bei einer Textanalyse immer Annahmen treffen, die falsch sein könnten. Und ihr Endergebnis, also z.B. was der Autor uns sagen will oder was der (wichtige oder entscheidende) Inhalt des Textes ist, hängt zu großen Teilen von ihren Annahmen und Interpretationen ab.

Nun mag wieder jemand einwenden, dass dies bei dem Fallexperiment mit dem Bleistift von mir und dem Australier nicht anders ist. Wir müssen auch interpretieren, welche Theorie das Ergebnis unseres Experiments erklärt. Das ist prinzipiell richtig, aber wenigstens haben die Naturwissenschaften einen „Richter“, der uns sagt, was ist und was nicht, nämlich die Realität. Ich kann z.B. nicht eine Hypothese aufstellen, die erklärt, warum der Bleistift in den Himmel fällt, einfach weil der Bleistift sich nicht so verhält, bzw. ich kann das natürlich machen, es wäre aber irrational.

Natürlich hat der Geisteswissenschaftler auch eine gewisse Grundlage, nämlich den Text, den er analysiert. Auch der Geisteswissenschaftler kann nicht völlig willkürlich irgendetwas behaupten, wenn es z.B. dem Inhalt des Textes klar widerspricht. Allerdings hat er eben nicht so einen idealen Richter wie die Naturwissenschaften und ist gezwungen viel mehr interpretieren zu müssen. Mehr Interpretation bedeutet automatisch mehr Subjektivität. Mehr Subjektivität geht mit mehr Unsicherheit über die Wahrheit einer Hypothese einher. Und das ist genau meine erste These.

Wenn sich also die drei Germanisten fragen, welche von ihren sieben Interpretationen (die alle mit dem Text vereinbar sind, sich aber trotzdem unterscheiden) wirklich wahr ist, dann fehlt ihnen ein Richter. Es ist auch nicht so, dass dies die Schuld der Geisteswissenschaftler ist. Sie sind nicht faul oder dumm, sondern ihre Methodik gibt einfach nicht mehr Objektivität und Sicherheit der Wahrheit her.

Das ist ja auch der Grund dafür, dass es weltweit nur eine Physik aber zum Beispiel tausende von „Theologien“ gibt. Bücher mit theologischem Inhalt füllen ganze Bibliotheken. Sie widersprechen sich zu großen Teilen und wenn man die ketzerische Frage stellt, welche davon denn nun wahr sei, dann sollte man ehrlich antworten: „Höchstwahrscheinlich gar keine!“.

Ich bin mir nicht einmal sicher, ob die Kategorie der „Wahrheit“ in allen oder vielen Geisteswissenschaften überhaupt als wichtig, erstrebenswert oder existent angesehen wird. Dieser Punkt zeigt sich eben recht deutlich an der Sokal-Affäre.

Zur Verteidigung der Geisteswissenschaften muss ich sagen, dass ich die Theologie nicht dazu zähle, denn ich halte die Theologie selbst nicht einmal für eine Wissenschaft (auch wenn sie in Teilbereichen manchmal wissenschaftlich vorgeht oder zumindest wissenschaftliches Vorgehen vortäuschen möchte).

Für mich sind das Streben nach Objektivität und Wahrheit zwei sehr wichtige Kennzeichen von (guter) Wissenschaft. Ein interessantes Beispiel liefert die Psychologie, die man nicht genau einer Wissenschaft zuordnen kann. Sie versucht mit statistischen Mitteln objektiver zu werden und das ist durchaus begrüßenswert. Allerdings wird sie niemals die Erkenntnismöglichkeiten und Objektivität der Physik erreichen.

Denn auch hier gilt, dass zwei psychiatrische Gutachten über die Allgemeingefährlichkeit eines Straftäters viel zu oft zu unterschiedlichen, sich widersprechenden Ergebnissen kommen. Das Problem bleibt also, dass offensichtlich kein objektives und Wahrheit sicherndes Ergebnis zustande kommt. Und dies liegt einfach daran, dass man hier nichts testen kann, es gibt keinen Richter, der entscheiden kann, welche Analyse korrekt ist. Wird der Straftäter rückfällig oder nicht? Der Untersuchungsgegenstand gibt nicht mehr her, die Methode ist nicht so objektiv und sicher, wie ein physikalisches Experiment.

Man unterscheidet schließlich auch harte und weiche Wissenschaften und nichts anderes sage ich mit meiner ersten These. Natürlich gibt es bei der Unterscheidung von harter und weicher Wissenschaften fließende Übergänge, aber das ändert nichts daran, dass man grundsätzlich eine Einteilung nach dem Grad der Objektivität und der Sicherheit der Wahrheit vornehmen kann.

Ich halte mich nicht für einen Szientisten oder Positivisten, weil ich nicht der Ansicht bin, „dass sich mit naturwissenschaftlichen Methoden alle sinnvollen Fragen beantworten lassen.“

Allerdings stimme ich dieser Aussage von Ullrich Kutschera teilweise zu:

Nach Auffassung des Biologen Ulrich Kutschera baue auf der Arbeit der Naturwissenschaftler „letztendlich unser gesamter verlässlicher, technologisch verwertbarer Wissensschatz“ auf. Demgegenüber würde die von ihm als „Verbalwissenschaft“ titulierte Geisteswissenschaft lediglich „Tertiärliteratur“ produzieren. In den Realwissenschaften gibt es … einen nachweisbaren Erkenntnisfortschritt, der auf objektiven Daten bzw. Fakten und der … Theorienbildung basiert. Im Gegensatz dazu geben viele ‘Geisteswissenschaftler’ nur subjektive Spekulationen von sich, denen nicht selten die faktische Grundlage fehlt.

Um mich noch etwas präziser auszudrücken: Ich denke, dass die Geisteswissenschaften, die sich zu großen Teilen mit der Gesellschaft, dem Menschen und Texten beschäftigen, notwendig sind. Ich denke auch, dass sie uns bestimmte Ergebnisse bringen können. Aber ich denke eben auch, dass diese Ergebnisse nicht so sicher und objektiv sind, wie die Ergebnisse der Naturwissenschaften.

Geisteswissenschaftler müssen sich aber nicht zu sehr grämen, denn es gibt (mindestens) eine Wissenschaft, die den Naturwissenschaften überlegen ist, wenn es um Objektivität und Sicherheit der Wahrheit ihrer Theorien geht, und das ist die Strukturwissenschaft Mathematik.

Das liegt einfach daran, dass die deduktive der induktiven Methode deutlich überlegen ist, in dieser Hinsicht. Der Nachteil der deduktiven Methode, also der Nachteil der Logik und Mathematik, besteht aber leider darin, dass man nicht weiß, ob die Prämissen wahr sind. Selbst wenn eine deduktive, logische Schlussfolgerung korrekt durchgeführt wurde, bedeutet das nicht, dass diese wahr ist. Es bedeutet nur, dass die Schlussfolgerung wahr ist, wenn (und nur wenn!) ihre Prämissen, also Voraussetzungen wahr sind.

Man kann also so nichts “Neues” über die Welt lernen, sondern dafür ist es unumgänglich die induktive Methode anzuwenden, so wie es in den Naturwissenschaften gemacht wird. Dazu passt folgendes Zitat sehr gut:

Insofern sich die Sätze der Mathematik auf die Wirklichkeit beziehen, sind sie nicht sicher, und insofern sie sicher sind, beziehen sie sich nicht auf die Wirklichkeit. Mathematische Theorien über die Wirklichkeit sind immer ungesichert – wenn sie gesichert sind, handelt es sich nicht um die Wirklichkeit.

Albert Einstein

Begründung zu 2.):

Hat irgendjemand von uns eine konkrete Vorstellung, wie hart das Leben und der Lebensalltag im Mittelalter waren? Können wir auch nur im Ansatz erahnen, was es bedeutet ohne fließendes Wasser, elektrischen Strom, gute Kleidung, wärmende und schützende Häuser, gute medizinische Versorgung und ähnlichem, auszukommen? Die durchschnittliche Lebenserwartung hat sich mehr als verdoppelt innerhalb der letzten 200 Jahre.

Welche Wissenschaft hat uns das Wissen und die Erkenntnisse gebracht, die dafür gesorgt haben, dass wir die Welt besser verstehen, dass wir Impfstoffe entwickeln können, die Millionen von Leben rettet, Medikamente entwickeln können, die das gleiche machen? Wer hat herausgefunden, dass wir von affenartigen Lebewesen abstammen, dass die DNA der Code des Lebens ist oder wie unglaublich das riesige Universum ist?

Nun könnte jemand sagen, dass er lieber mit 45 Jahren stirbt, lieber Kutsche fährt, lieber körperlich hart schuftet, lieber nichts zu essen hat, lieber auf elektrischen Strom und fließendes Wasser verzichten möchte und die Erkenntnisse der Naturwissenschaften für ihn völlig uninteressant sind. Er interessiert sich mehr für Musik, Kunst, Literatur, eben für das kulturelle Leben.

So eine Meinung ist natürlich legitim, meine Antwort wäre die folgende:

Erstens wäre ohne Naturwissenschaften die Zeit viel kürzer, um die kulturellen Errungenschaften genießen zu können, weil er kürzer leben würde und viel weniger Zeit im alltäglichen Leben dafür hätte. Zweitens kann jemand, der die Dinge wertschätzt, die uns die Naturwissenschaften gebracht haben, ebenfalls sehr viel Spaß an kulturellen Dingen haben. Das schließt sich nicht aus. Drittens mögen Musik, Kunst und Literatur unser Leben schöner machen und bereichern, aber ich habe Zweifel, dass man dadurch die Welt besser versteht oder der Wahrheit und Realität näher kommt.

Sicher, ich liebe Musik, bin begeistert von einigen Formen und Arten der Kunst und das gleiche gilt für Teile der Literatur.

Aber das absolut verblüffende und sensationelle an den Naturwissenschaften ist, dass wir damit die Zukunft vorhersagen können. Die Erkenntnisse der Naturwissenschaften haben uns nicht nur technologisch weitergebracht, sondern unsere Lebensqualität deutlich gesteigert. Man kann sich darüber streiten, ob und in wie weit wir uns inzwischen mit den Naturwissenschaften und deren Theorien der Wahrheit und Realität angenähert haben.

Über was man sich nicht ernsthaft streiten kann, ist die Tatsache, dass die Naturwissenschaften „funktionieren“. Die Ergebnisse sind nicht zu bestreiten und unser ganzen Leben und alle Gesellschaften sind von den Erkenntnissen der Naturwissenschaften durchdrungen. So stark, dass den meisten Menschen gar nicht klar ist, was wir verlieren würden, bzw. wie unser Leben praktisch und real aussehen würde, ohne die Naturwissenschaften und deren Erkenntnisse.

Meine ernsthafte Frage lautet nun: Was haben Geisteswissenschaften der Menschheit in dieser Hinsicht gebracht?

Man könnte, zugegeben etwas polemisch, sagen, dass das Betrachten oder die Analyse eines surrealistischen Bildes von Pablo Picasso, das Lauschen oder die Analyse der 9. Sinfonie von Ludwig van Beethoven, die Erörterung von Gothes Faust oder die Exegese der Bibel der Menschheit nicht annährend so viel gebracht haben, wie die Entwicklung von Impfstoffen.

Mir ist natürlich bewusst, dass sich manch Geisteswissenschaftler(in) angegriffen fühlen mag und in keiner Weise, zumindest dieser zweiten These, zustimmen würde. Mich würde nun interessieren mit welchen Argumenten und Gründen man die erste oder zweite oder beide Thesen ablehnt?

Zwecks einer Annäherung verweise ich noch auf einen Beitrag von Michael Blume, mit dem ich sonst nicht so wirklich übereinstimme:

Poesie und Liebe sind wie Kultur und Geist der Menschen insgesamt immer auch (!) Physik und Biologie - aber eben niemals nur.

Allerdings berührt das zumindest meine erste These überhaupt nicht.

Alan Sokal hat seine Kritik in Buchform festgehalten und es lohnt sich definitiv ein Exemplar zu erwerben.

Unsinn bleibt Unsinn, auch wenn er mit (scheinbarer) Eleganz formuliert ist.

Hier geht es zum ersten Teil…

Hier geht es zum zweiten Teil…

P.S.: Ich möchte festhalten, dass ich mich in keiner Weise mit Prof. Ulrich Berger abgesprochen habe! Es ist reiner Zufall, dass wir beide nahezu zeitgleich etwas über Alan Sokal geschrieben haben.


2 Kommentare

  1. Aus meiner Sicht kommt bei den “Textwissenschaften” ja noch eines hinzu, was oft unberücksichtigt bleibt. Es wird zu wenig gefragt, inwieweit die Quelltexte, die interpretiert und analysiert werden, bereits Sokalsche Texte sind, also Unsinn beinhalten. Nur, weil die Texte alt sind, müssen sie ja nicht richtig sein. Auch ein Aristoteles lag mitunter meilenweit daneben.
    Von den “Heiligen Büchern” wie Bibel oder Koran ganz zu schweigen. Wie viel Autorenschweiß ist über die Jahrhunderte darauf verwendet worden und wird noch darauf verwenden, den heiligen Schriften nach dem aktuellen Stand der Ethik noch eine gewisse Legitimation und Autorität zu unterlegen. So haben viele Bibelexegeten versucht noch den abwegigsten und gewalttätigsten Bibelstellen einen Sinn zu unterlegen, wo man eigentlich nur sagen kann, hier steht im Quelltext einfach Unsinn.

  2. Ja, das ist ein guter Einwand, so konkret habe ich daran noch gar nicht gedacht.

    Man kann natürlich die Horoskope von Astrologen “textwissenschaftlich” analysieren und das gleiche kann man bei der Bibel oder dem Koran machen.

    Und man kann herausarbeiten, was uns die Autoren sagen wollten, oder das zumindest versuchen.

    Das bedeutet aber natürlich nicht, dass die Aussagen und Behauptungen der Autoren von Horoskopen, der Bibel oder dem Koran automatisch irgendwie sinnvoll, wertvoll oder gut sind.

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